Heinzelwein-Dreier für den August 2021: Sommerliche Überraschungen aus Südafrika, mit Käse und Gedanken zum Denken, schnell und langsam

Der Heinzelwein-Dreier ist eine monatliche Serie, die Ihr hier abonnieren könnt.

Seit dem Anfang dieser verrückten Zeit treffe ich mich jeden Sonntag abend mit meinen Freunden Nikki und Brandon in Kapstadt zum Skype-Apero auf ein Glas Wein – naja, manchmal werden es zwei. Dank einiger Importeure öffnen wir dabei sogar gelegentlich die gleiche Flasche. Wir sprechen beileibe nicht nur über Wein, ganz im Gegenteil… Aber mir ist die südafrikanische Weinszene deutlich vertrauter geworden. Was für großartige Winzer und Weine es an der südlichen Spitze des afrikanischen Kontinents gibt! Diese so vielfältige Landschaft bietet so viele Überraschungen, und hat weiterhin mit so vielen Problemen zu kämpfen. Wie für die Ahr gilt auch hier: Trinken hilft. Deshalb hier zwei sommerliche Weine vom Kap.

Sauvignon Blanc gehört eigentlich nicht unbedingt zu den Rebsorten, an denen das Heinzelcheese-Herz besonders hängt – aber beim 2018 Sauvignon Blanc von Seven Springs Vineyards ist einfach so viel im Glas, rufen und locken so viel Johannisbeeren aller Farben, Grapefruit von weiß über gelb bis pink, tanzt die Säure so inbrünstig und voller Lebenslust mit all dieser Frucht und einer feinen, herben Note… ja, bitte noch ein Glas! 

Ich habe diese Weine mit einer Vielzahl verschiedener Käse verkostet, und obgleich der Heinzelwein-Dreier sonst eine käsefreie Zone ist, möchte ich Euch meine Favoriten nicht vorenthalten. Zum Sauvignon habe ich spontan zu einem 18 Monate gereiften, sehr kräftigen Bergkäse aus Oberbayern gegriffen, eigentlich (aber was ist schon wie eigentlich mal, wie früher) ein ideales Gegenüber für trockenen, mineralischen Riesling. Funktionierte gut, nicht zuletzt aufgrund des Alkohol-Rückgrats hinter all der Frucht und Säure. Aber dann… weil ich grundsätzlich neugierig bin, habe ich Gorgonzola probiert, etwas fester als ein Dolce, aber nicht vollends Piccante – oha, welch Überraschung (siehe oben!): da hatten sich zwei gefunden, die Fülle und Leben beide auf ihre ganz eigene Art ausdrückten und sich respektierten und gegenseitig ihre besten Seiten zum Vorschein brachten, sich dank des anderen gewissermaßen sortierten… was ja im „richtigen“ Leben, will sagen unter Menschen, auch sehr beglückend ist.

Der zweite Wein, 2020 Pinot Noir Rosé Haute Cabrière, hat mich auf seine Art ebenso überrascht wie der Sauvignon. Ihr wißt, ich mag Rosé in beinahe all seinen unzähligen Formen (selbst der Portugiese in der bauchigen Flasche kann im richtigen Moment und eiskalt Freude machen), hätte aber diesen eleganten, feinen, dezenten Typus blind sicher nicht nach Südafrika und Franschhoek verortet: zu leicht, zu zart… ach ja, die Schubladen und Vorurteile. Er duftete mit den frischen Erdbeeren im Duett, war angenehm ruhig und beruhigend, und genau das Richtige nach einem langen, anstrengenden Tag. Ohne groß nachzudenken (weil lang und anstrengend), schnitt ich ein Stück vom Remeker ab, diesem gleichermaßen in sich ruhenden niederländischen Ausnahmekäse von den van de Voorts, aus üppiger Jerseymilch. Der ist tatsächlich so gelb wie auf dem Foto und erinnert mich immer ein bißchen an Buttermürbteig – was dem Wein ausgesprochen gut gefiel, ihn angenehm wach und etwas frischer wirken ließ, und ich lehnte mich zurück und hörte mich glücklich seufzen. Danke, Südafrika.

Nochmal zurück zu den Vorurteilen: ich habe in den letzten Wochen mit großer Begeisterung Thinking, Fast and Slow von Daniel Kahnemann gelesen. Der israelisch-US-amerikanische Psychologe beschäftigt sich darin sehr eingehend und verständlich mit Entscheidungsprozessen, und er unterscheidet zwischen zwei Arten des Denkens: einerseits schnell, instinktiv und emotional, und andererseits langsamer, Dinge durchdenkend und logischer. Nicht nur Vorurteile entstehen durch die Dominanz der ersteren, stets aktiven Seite unseres Denkens! Kahnemann mag nicht immer recht haben (der Wikipedia-Eintrag dazu ist sehr ausgewogen), aber er hat mir geholfen, mein eigenes Denken… nun ja, zu überdenken.

Genießt den Sommer, und seid dankbar für jedes kleine Glück – hier ist ein Absatz, den ich interessant fand.

Die Idee dieser monatlichen Empfehlungen: Zwei Flaschen , und zu den flüssigen Geschichten außerdem eine in Worten, oft in Gedicht- oder Musikform – das ist der Heinzelwein-Dreier. Kein Verkaufsformat, sondern der Versuch, zumindest einen Teil dessen, was mir so an Wein und Worten begegnet, mit Euch zu teilen – abonnieren könnt Ihr diese Serie hier. Und damit Ihr nicht lange suchen müßt: die Weine gibt es hier und das Buch von Daniel Kahnemann hier (auf deutsch). Trinken, schmecken, lesen, denken, leben müßt Ihr wie immer selbst – keep safe.

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