Heinzelcheesetalk #30: Chäswandern, kreuz und quer durch die Schweiz. Freitag, 09. September 2016

Dieses wunderschöne Buch lag (und liegt) seit Monaten neben meinem Schreibtisch, und seit Monaten nehme ich mir vor, einfach mal loszugehen zum „Chäswandern“, von einer Schweizer Alp zur anderen… und dann ist die Zeit doch immer wieder zu kurz. Auch dieses Mal hatte es nur bis nach Zürich gereicht. Käse hatte ich Euch trotzdem mitgebracht, aus dem kleinen, bergigen Land mit dem großen Milchüberschuß, mitten in der Mitte Europas.

Chäswandern

Dafür gibt es schließlich Käsehändler, die die erwachsene Milch in die Stadt bringen, so verführerische Adressen wie das (die?) Chäs-Vreneli am Münsterhof, 20 Minuten zu Fuß vom Hauptbahnhof. Mein Koffer war dann fein parfümiert und ziemlich schwer und mußte natürlich beim Securitycheck am Flughafen eine Ehrenrunde drehen…

Vreneli Theke

Es war eine bunte Auswahl, virtuelles Wandern also, von Appenzeller bis zu Bacchus und Nonnenstolz (ja, heißt wirklich so). A propos Bacchus: auch der Wein war aus der Schweiz sein, und genauso breit gefächert – ich war in Zürich bei der Verkostung der Winzergruppe Mémoire & Friends – großartig.

Einstieg war ein 2015 Müller-Thurgau (Ihr wißt schon, die Rebsorte, die der Thurgauer Professor Müller für seine Heimat gezüchtet hat) als PétNat von Stefan Kraemer aus Auernhofen in Franken, mit einer wunderbaren Säure und genau richtig, um uns auf den Weg ins tatsächliche Thurgau zu bringen, zum 2015 Müller-Thurgau von Schloßgut Bachtobel – super viel Frucht und Frische. Dazu Mascarplin, der alte, neu erfundene Zigerkäse der Älpler (für Nichtschweizer: Ziger = Molke), hier von der Ziege und der Käserei Zinsli in Sufers/Graubünden. Kellergereift, außen kräftig, innen ganz „weich“ und rund.

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Mit dem kräftig-sämigen 18-monatigen Nonnenstolz (die Geschichte ist hübsch und auf Google nachzulesen) folgte der Beweis, daß im Emmental keineswegs ausschließlich Großlöchriges erzeugt wird. Salzig-mineralisch dazu der großartige Petite Arvine von Jean-René Germanier (und Gilles Besse) aus dem Wallis – dank an Jörg Linke, der ein hervorragendes Sortiment an Schweizer Weinen importiert und einige Proben geschickt hatte. Wie auch den barrique-gereiften, komplexen Ilex, ein Calamin Grand Cru vom Genfer See von Louis Bovard, den wir mit dem Klassiker Appenzeller in zwei Reifestufen erlebten, edelwürzig und rezent, 12 und 18 Monate.

hct-30-kaese

Danach ging es um die nicht so klassischen Käse, denn auch die gibt es in der Schweiz. Bacchus aus der Ostschweiz war einige Zeit in Rotwein gereift, Försterkäse (von Thomas Stadelmann) und Hölzige Geiss (von Willi Schmid) kamen beide aus Toggenburg und waren rotgeschmierte Weichkäse in einem Rindenmantel, nach dem Vorbild des Vacherin. Wie alle Käse an diesem Abend aus roher, unbehandelter Milch und voller Charakter, die Geiss noch feiner in der Struktur und Säurebalance. Im Glas waren wir längst beim Rotwein, dem sehr elegant gereiften 2010 Merlot Gota von Kopp von der Crone aus dem Tessin.

hct-30-weineZwei Flaschen hatte ich aus meinem Keller mitgebracht. Den 2010 Vintage Öküzgözü von Kayra aus Ost-Anatolien wollte ich gerne mit Euch trinken, um daran zu erinnern, daß ich meine für diese Woche geplante Recherchereise nach Kars in der Türkei schweren Herzens abgesagt habe, die Türkei aber nicht nur aus Politik und Medienberichten besteht. Der 2004 (!) Riesling von Chanton aus Visp im Wallis war eine Rarität, der einfach in diese Runde gehörte, im Glas Luft brauchte und dann wunderbar mit steinigen Bienenwachs-Aromen aufblühte.

Zum Käsefinale gab es dann Bündnerbrot mit getrockneten Birnen statt noch einen Wein. Der Jersey Blue von Willi Schmid war eine buttrige, üppige Köstlichkeit, die zeigte, was in der Schweiz möglich ist. Danke an Euch alle, daß Ihr mich so offen und vergnügt auf dieser Wanderung begleitet habt, cheesio und cheerio!

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HeinzelCheeseTalks finden rund einmal im Monat an einem Freitag um 18h in der Markthalle Neun in Berlin-Kreuzberg statt, an dem langen Tisch gegenüber vom Suff-Weinstand. Ich bringe spannende Käse mit, öffne ein paar Flaschen Wein, wir verkosten, reden, diskutieren, alles ganz entspannt (und größtenteils auf deutsch – obgleich wir es im allgemeinen auch schaffen, den einen oder anderen auf englisch “mitzunehmen”). 

Die Einladung geht etwa zehn Tage vorher an eine Mailingliste (auf die man sich hier eintragen kann), dann werden die fünfzehn Plätze am Tisch auf Reservierung vergeben. Ich freue mich über einen freiwilligen Kostenbeitrag von zwölf Euro pro Käsegenießer, wenn’s extra viel Spaß gemacht hat, dürfen es auch ein oder zwei Euro mehr sein… cheesio!

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