HeinzelcheeseLetter für den Mai 2026: Tres Leches aus Uruguay, Weisswein aus Madrid und turophiler Lesestoff

Reisen bedeutet für mich Jagen und Sammeln, nämlich Stoff, Einblicke, Erkenntnisse. Zusammenhänge begreifen, Perspektiven anderer verstehen oder auch überhaupt erst erkennen und dadurch die eigenen überdenken, relativieren, neu tarieren. Was heißt: beobachten, fragen, zuhören.

Was sprachlich nicht immer ganz einfach ist, selbst mit moderner Technologie. Neulich in Uruguay war das noch halbwegs ok, denn ich spreche zwar kein Spanisch (was sich demnächst ändern muss und wird), konnte mich aber dank französisch und italienisch halbwegs durchhangeln. Tschechisch hingegen: keine Chance. Und auch Übersetzer-Apps stoßen hier sehr schnell an ihre Grenzen, vor allem bei Fachspezifischem. Milan Kundera, tschechischer Schriftsteller („Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“) hat darüber geklagt, dass viele über Tschechien, Kafka etc. schrieben, ohne je Originaltexte gelesen zu haben, seine Werke aus anderen Sprachen übersetzt würden statt aus dem Tschechischen.

Worauf will ich hinaus? Dass wir oft meinen zu verstehen, was wir lesen, sehen, hören, aber eigentlich keine gemeinsame Sprache haben. Auch im übertragenen Sinn: auf einem Hof, in einer Käserei stehen und weder Qualität noch Hygiene einordnen können. Wann ist ein Stall „ordentlich“, eine Milch „sauber“? Die Antwort hängt von so vielen einzelnen Faktoren der einzelnen Situation ab, und eine gehörige Portion Demut und Respekt vor der situativen Expertise ist essenziell.

Langer Einstieg zum Käse dieses Monats, dem Tres Leches von Isabel Rodriguez Musa. Ihre Farm, Los Vientos, liegt zwei Stunden nordöstlich von Montevideo (Hauptstadt von Uruguay, sehr cool, hinfahren!), landeinwärts. Hier im gefühlten Nirgendwo lebt sie mit Mann und Tochter und vielen Tieren, von Kühen bis zu Pfauen, wie in einem großen Wimmelbild. Und macht Käse: im Tres Leches sind Kuh-, Ziegen- und Schafsrohmilch vereint, unaufgeregt und komplex und einfach gut. Die Farm sieht für Berliner Städter-Augen chaotisch und primitiv aus, doch das Wichtige stimmt und passt, wenn man es denn erkennen und verstehen kann. Wer nach Uruguay fährt: Isabels Käse gibt es bei DeGuarda, einem großartigen Käsegeschäft, in Montevideo und Punta del Este.

Wein dazu (und zwar online weithin erhältlich ;), mir leider erst nach meinem Kurztrip nach Madrid beziehungsweise Hualdo 90 Minuten südlich davon begegnet: 2022 La Maldición Malvar von Bodegas Cinco Leguas. Malvar ist eine südlich von Madrid heimische, dem Palomino Fino ähnelnde Rebsorte, Cinco Leguas das private Projekt von Marc Isart, der ansonsten für Weinhelden wie Telmo Rodriguez tätig ist. Weißwein aus mit Schalen und Stängeln vergorenen Trauben, oxidativ ausgebaut – und doch überwiegt die Frische, sind die mandeligen Sherrytöne sehr dezent, stehen wunderbare reife Zitrusaromen aller Art im Vordergrund, zieht sich etwas Herbes im Hintergrund durch den Wein, das sich großartig mit unterschiedlichsten Käse verträgt.

Lesestoff, um KäsehändlerInnen besser zu verstehen (leider bis jetzt nur auf englisch): The Cheese Cure von Michael Finnerty. Ließe sich in etwa so zusammenfassen: Kanadier mit recht beeindruckender journalistischer Karriere bewältigt Midlife Crisis, indem er sich als Cheesemonger neu erfindet… täte dem Buch aber Unrecht, das einen sehr guten Einblick in die Welt hinter der (hochwertigen) Käsetheke bietet und menschlich anrührt, ohne ins Sentimentale zu kippen.

Lesestoff zum Wein, von mir: gleich zweimal Vinum Foodpairing, Polen und Württemberg.

Termine: der nächste Heinzelcheesetalk findet am am 8. Mai statt, mit tschechischen und spanischen Käsen sowie tschechischen Weinen, aus Südmähren, Einladung an die Abonnenten ist bereits raus. Am Vorabend, am 7. Mai, verkosten wir uns bei Goldhahn und Sampson durch eine spannende Reihe von Ziegenkäsen und beschäftigen uns allgemein mit diesem Thema, im Moment gibt es noch einige wenige Plätze. Das gleiche Format dann am 25. Juni ebenfalls bei den Goldhähnen am Helmholtzplatz zum Thema Schafskäse, von Feta bis Manchego und Roquefort, da gibt es auf alle Fälle noch Plätze. Und, für Kurzentschlossene: ich habe noch einen Platz für die Exkursion zum Gruyère, 27. bis 30. Mai in und um Bern – all das, wie grundsätzlich in Heinzelcheese-Land, um einander besser zu verstehen, genauer hinzuhören, hinzusehen und hinzuschmecken. Bis bald, hier oder dort!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.