Hätte ich Schafe, oder Ziegen, oder gar Kühe, und lebte im Gebirge, wäre ich schon längst mit den Tieren weit hinauf gezogen. Für ein paar Monate einfachen Lebens (wenn auch keinesfalls ohne Härten!), vor allem aber: weil uns dort allen zusammen, Tieren und Menschen, wohler wäre. Kühler. Frischer. Weniger plagende Fliegen und Mücken – einer der vielen Gründe für die Transhumanz, also die Wanderweidewirtschaft und Sommerkäserei. Ist natürlich Konjunktiv-geplagtes Wunschdenken, deshalb hier zumindest Käse und Wein mit Berg-Bezug.
Käse: Oderbruch, Quappendorf bei Neuhardenberg. Etwa 60 schwarzgrauweiße Krainer Steinschafe. Und zwei Frauen, die hier seit rund 15 Jahren voller Hingabe, Können und durch viel harte Arbeit einen Vorzeigebetrieb geschaffen haben, den Milchschafhof Pimpinelle. Amelie Wetzlar ist die Schäferin, Franziska Wetzlar die Käserin. Stromboli eines der (großartigen) Ergebnisse. Federleicht und doch kompakt und voller Umami. Lohnt jedweden Um- und Extraweg.

Wein: keine zehn Minuten zu Fuß sind es vom Weingut mitten im südpfälzischen Ilbesheim zur großen Linde oben auf der Kleinen Kalmit, wo sich gut sitzen und ausruhen lässt. Inmitten von Hecken und Sträuchern und Reben. Wo es summt und brummt und jetzt so richtig nach Sommer riecht. „Epizentrum unseres Lebens“ nennt sie Sven Leiner, der hier seit 2000 daran arbeitet, mit den Reben zu fühlen, zu denken und zu handeln, statt gegen ihr wesensbedingtes Verhalten. Und dessen Weine das tatsächlich widerspiegeln. Der 2024 Handwerk Weißburgunder ist ebenso „geerdet“ wie der Stromboli und dabei ebenfalls genauso aufwärtsstrebend, lebendig, saftig. Da summt und brummt es, genau wie unter der alten Linde auf der Kalmit.


Lesen: ist ja manchmal nicht so ganz einfach mit der Hoffnung und Zuversicht, also im übertragenden Sinne ohne erreichbare kühle Berggipfel einen kühlen Kopf zu bewahren. Deshalb hat mir das neueste Buch von Rebecca Solnit sehr gut gefallen (genau, das ist die amerikanische Autorin, die den Begriff Mansplaining geprägt hat), The Beginning Comes After the End (der Anfang kommt nach dem Ende, leider noch nicht auf deutsch erschienen). Sie zeigt darin, wieviel sich in den letzten Jahrzehnten zum Positiven verändert hat, ohne spektakuläre Ereignisse und daher beinahe unbemerkt, etwa bei der gesellschaftlichen Akzeptanz, Inklusion und den Rechten ehemals marginalisierter oder ausgeschlossener Gruppen oder alternativen Energien. Und sie zeigt auch, dass ein Ende häufig schmerzhaft, hässlich oder grausam ist, aber wie die Raupe den Schmetterling auch etwas völlig Neues, Anderes, Positives in sich birgt. Und einmal mehr, dass es nur zusammen geht, weil (ja, ich weiß, klingt banal, lohnt sich aber immer wieder und wieder zu wiederholen) alles und alle zusammenhängen, wir nicht statisch „sind“, sondern mit jedem Atemzug und Schluck und Bissen, jedem Gedanken ständig „werden“.
We inhabit and inherit a world that has changed bit by bit, in ways so vast and so varied, in so many spheres of everyday life, that the transformation has hardly been described.
Auch zum Lesen, von mir, so einiges in der aktuellen Effilee, die sich ja jetzt unter der neuen Spiegel-Ägide auch zum Guten verändert hat und weiter verändert: Käse und Wein aus Polen, alte Rebsorten in Anatolien und zwei Dänen zum Thema „Esst mehr Gemüse“.





Für den Käse müsst Ihr Euch nach Quappendorf bewegen, den Wein gibt es hier, Effilee und Buch werdet Ihr selber finden ;).
Schließlich, Termine im Juli: HeinzelcheeseTalk in der Markthalle Neun am 17.07. (Käse und Sake!), Käseschule Basics (wie wird eigentlich aus flüssiger Milch fester Käse?) bei Goldhahn und Sampson am 30.07.
Ich wünsche Euch allzeit genügend bergige Kühle in Kopf und Seele. Danke fürs Lesen, weil… naja, zusammen und so.
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