Heinzelwein-Dreier für den Oktober 2020: Sanftes Rot, herbes Rot, aus Portugal – und atmen. Mit Rilke.

Der Heinzelwein-Dreier ist eine monatliche Serie, die Ihr hier abonnieren könnt.

Der Herbst ist da. Was beruhigend ist, weil anscheinend manche, wenige Dinge doch noch einigermaßen nach Plan laufen. Die Sonne ist sanfter, das Licht wärmer und mein Rosé-Durst gedämpft. Klischee-Auftakt, ich weiß… aber keine Angst, ich komm Euch nachher nicht mit dem “Herbsttag”, denn dieser Sommer war nicht “sehr groß”. Aber das stete Verändern, und ganz besonders dieser Übergang von Fülle bis Unerträglichkeit des Sommers zur sanften Melancholie des Herbsts sind für mich… ja, was? Tiefer Grund zur Freude, zu einem einzigen großen Lächeln, außen, innen – da habt Ihr es: nicht nur Klischee, sondern auch noch sentimental. Mach’nen Punkt, Lady! Ok, Ihr habt ja recht, und Wein kommt. Aus Portugal.

Zuerst aber der lang geschuldete Dank an Euch, daß Ihr mich hier einfach so schreiben laßt, wie es mir in Sinn und Seele kommt, unter meist gründlicher Mißachtung journalistischer Grundregeln (Zur Sache kommen! Sechs W’s!) – denn das macht das Schreiben zu einem echten Vergnügen, wie das Freistilkochen, ohne Rezept. Doch jetzt: Wein aus Portugal. Ich hatte beinahe vergessen, wie gut mir der allgemein gefällt… und bin gerade ganz neuverliebt.

Zuerst der Sanfte, aus Lisboa: 2015 Casal da Azenha, von Paulo da Silva. Der Mann ist eine ziemliche Legende, weil er super-altmodischen Colares macht (darüber ein anderes Mal mehr) – und diesen wunderbar gereiften, mehr als erschwinglichen, unaufdringlichen Kirschen/Wald/Kräuter-Schmeichler, der dabei doch so gar nicht verblödet, sondern hoch intelligent wirkt wegen der herben Rauchigkeit, die ihn im Hintergrund trägt. Geht zu allem, was Euch an Herbstlichem einfällt – und auch einfach so. Zuverlässige Info zum Weingut sind rar, Rebsorten sind wohl Castelão (auch Periquita oder João Santarém genannt) und Tinta Miúda (aka Graciano).

Dann der herbe (hell) Rote, aus dem Douro: 2019 Uivo Renegado von Folias de Baco. Darf ganz leicht gekühlt ins Glas kommen, und verdient ein nicht zu kleines, weil hier so viel ab geht, nicht zuletzt durch die Schiefer- und Granitböden jener Gegend im Norden des Landes. Etwa 25 verschiedene einheimische Sorten (und zwar weiße und rote!) von sehr alten Reben (über achtzig Jahre) werden einzeln gelesen, drei Tage mazeriert, in großen Granitbecken vergoren und dann sechs Monate in Zementtanks und großen Kastanienfässern ausgebaut. Ergebnis: anders, inspirierend, befreit von Klischees. Müßt Ihr einfach selber schmecken – gereiften Ziegenkäse dazu besorgen! Könnte jetzt noch viel mehr über die Geschichte hinter dem Etikett erzählen, hier nur soviel: uivo heißt Geheul, renegado abtrünnig…

Und schließlich: Rainer Maria Rilke. Übers Atmen. Das wir so vernachlässigen, und das doch alles trägt. Zusammenhang zu den beiden Weinen? Kann ich nicht so richtig erklären, aber die Stimmung ist genau die, die all meine Erinnerungen an Portugal prägt.

Atmen, du unsichtbares Gedicht!
Immerfort um das eigne
Sein rein eingetauschter Weltraum. Gegengewicht,
in dem ich mich rhythmisch ereigne.

Einzige Welle, deren
allmähliches Meer ich bin;
sparsamstes du von allen möglichen Meeren, –
Raumgewinn.

Wieviele von diesen Stellen der Räume waren schon
innen in mir. Manche Winde
sind wie mein Sohn.

Erkennst du mich, Luft, du, voll noch einst meiniger Orte?
Du, einmal glatte Rinde,
Rundung und Blatt meiner Worte.

Das ist das erste im zweiten Teil der Sonette an Orpheus, und weil die Länge dieses Blogs sich auch nicht an irgendwelche Regeln hält (immer zu lang), hier noch das 29., letzte:

Stiller Freund der vielen Fernen, fühle,
wie dein Atmen noch den Raum vermehrt.
Im Gebälk der finstern Glockenstühle
laß dich läuten. Das, was an dir zehrt,

wird ein Starkes über dieser Nahrung.
Geh in der Verwandlung aus und ein.
Was ist deine leidendste Erfahrung?
Ist dir Trinken bitter, werde Wein.

Sei in dieser Nacht aus Übermaß
Zauberkraft am Kreuzweg deiner Sinne,
ihrer seltsamen Begegnung Sinn.

Und wenn dich das Irdische vergaß,
zu der stillen Erde sag: Ich rinne.
Zu dem raschen Wasser sprich: Ich bin.

Ich wünsche Euch: Sein. Und danke Euch, daß Ihr bis zum Schluß gelesen habt ;) – obrigado.

Die Idee dieser monatlichen Empfehlungen: Zwei Flaschen, und zu den flüssigen Geschichten außerdem eine in Worten, oft in Gedichtform – das ist der Heinzelwein-Dreier. Kein Verkaufsformat, sondern der Versuch, zumindest einen Teil dessen, was mir so an Wein begegnet, mit Euch zu teilen – abonnieren könnt Ihr diese Serie hier. Und damit Ihr nicht lange suchen müßt: den Casal könnt Ihr hier bestellen, den Uivo hier, und eine sehr schöne Ausgabe der Rilke-Gedichte gibt es hier. Trinken, schmecken, denken, leben müßt Ihr wie immer selbst – keep safe!

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