HeinzelcheeseLetter für den März 2026: Roter Milan und roter Tannat aus Uruguay, immer wieder neue Ringe des Lebens

Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn…

Das stammt natürlich nicht von mir, sondern aus dem Ersten Buch vom Mönchischem Leben des höchst erstaunlichen Dichters Rainer Maria Rilke. 1875 in Prag geboren lebte er ganze fünf Jahrzehnte, europaweit, versuchte Fuß zu fassen, sich an einem Ring zu halten, um sich dann doch mit dem nächsten konfrontiert zu sehen. Stellte mehr Fragen als Antworten zu finden, war sich bewusst, dass beileibe nicht alles bewusst zu erfassen ist – und brachte das in Versen zum Ausdruck, die sich ganz offen zu schwärmender Romantik und Melancholie bekennen. Ihr merkt: mir gefällt das. Nicht zuletzt auch, weil Rilke sehr einfühlsam auch Geschmack und Duft in Worte fasst, Rosen, Äpfel. Für mich ist sein Werk in vieler Hinsicht ein perfektes Gegenmittel zu KI.

Auch gut: echter Geschmack in Form von Käse und Wein ;)

Und weil zumindest in Berlin der März den Frühling zwar gelegentlich anteasert, aber mit großer Wahrscheinlichkeit nicht liefert, hier nochmal roter Stoff. Der Rote Milan von Robert Dommel aus der Brandenburger Käserei Ogrosen. Der kleine, runde, weiche Kerl leuchtet eher orange als rot und ist geschmacklich nur dezent von brevibacterium linens geprägt (den Kulturen, die in sogenannten rotgeschmierten Käsen für Bauernhof-Kuhstall-Misthaufen-Aromen sorgen) – was nicht zuletzt an der großartigen Milch liegt, die direkt vom Melkstand in den Kessel fließt.

Das alte Rittergut Ogrosen ist seit den LPG-Zeiten nach 1945 ab 1991 sukzessive und zielstrebig unter der Ägide der Familie Lütke-Schwienhorst zu einem naturnahen, stabilen, regional eingebundenen Betrieb entwickelt worden. Im offenen Rinderstall leben heute 120 Kühe mit ihrer weiblichen Nachzucht, stämmiges schwarzweiß geflecktes Niederungsvieh, das nicht nur Milch, sondern auch Fleisch „kann“ und sich ausschließlich auf den Spreewaldweiden sowie am hofeigenen Heu gütig tut (und einer geringen Menge gequetschten Hafer, ebenfalls aus eigener Produktion, wenn die mageren Wiesen einfach zu mager sind). Robert Dommel und seine Frau Lena haben ähnlich wie die Heggelbacher Hofgemeinschaft einige Jahre zuvor 2024 eine neue, geräumige Käserei gewagt und gehören zu der Generation handwerklicher ErzeugerInnen, die mich zuversichtlich stimmen – ein neuer Ring! Der Titel „Bester deutscher Käse“ bei den World Cheese Awards letzten November in Bern für ihren 15 Monate gereiften Hartkäse namens Berta bestätigt das. Ihr findet die Ogrosen-Käse sowie großartigen Quark und Joghurt auf verschiedenen Berliner Märkten, schaut mal hier.

Der Wein dazu ist dann richtig rot, 2022 Tannat de Corte von Garzón aus Uruguay. Auch ein neuer Ring, weil ich im März nach Montevideo fahre, um von der Stadt am Rio de la Plata aus die Käse und Weine dieses südamerikanischen Landes zu erkunden. Ich bin gespannt und aufgeregt und freue mich sehr, die Ergebnisse dann beim nächsten Heinzelcheesetalk (10. April – Einladung folgt!) mit Euch zu teilen. Die Rebsorte Tannat stammt ja (wie so vieles in Uruguay) ursprünglich aus Europa, wo sie am französischen Fuße der Pyrenäen als Madiran alteingesessen ist. Dunkel, gerbstoffreich – und dann doch in den richtigen Händen von einer so betörenden, geradezu an Himbeeren erinnernden Frucht geprägt, das Rilke seine helle Freude gehabt hätte. In diesem Wein sorgt außerdem ein kleiner Teil Marselan, Petit Verdot und Cabernet Franc für zusätzliches Spiel. Dem Roten Milan gefällt das ausgesprochen gut! Den Wein gibt es unter anderem hier.

Robert Dommel ist übrigens als Käser quasi Autodidakt, zu seinen Mentoren gehört der Schweizer Pius Hitz, der bei den World Cheese Awards für seinen Gruyère die Spitzentrophäe entgegennehmen durfte. In seine Heimat (vielleicht auch zu ihm selbst) führt die nächste Heinzelcheese-Exkursion (als hätte ich’s bei der Planung geahnt ;), bei der wir Ende Mai den Gruyère von der Weide über den Kessel bis in die Reifekeller und Käsetheken erkunden. Es gibt noch Plätze, mehr dazu erfahrt Ihr hier.

Und bevor wir mit Rilke enden, hier noch der Hinweis auf Aktuelles von mir in der Vinum, zum Beaujolais, und in der Slow Food, über das Weingut Pflüger in der Pfalz. Immer neue Ringe, nicht zuletzt dank Eures fortwährenden Interesses. Danke.

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