Heinzelwein-Dreier, eigentlich ein Vierer, für den Mai 2020: Trüb und heiter zugleich, aus Rheinhessen, Japan, Island und Frankreich.

Der Heinzelwein-Dreier ist eine monatliche Serie, die Ihr hier abonnieren könnt.

Wie geht es Euch? Bei Heinzelcheese wird viel gekocht, noch mehr getrunken, zwischendurch geschrieben und gelesen, und die Stimmung ist so wechselhaft wie das im letzten Moment zu Höchstform auflaufende Aprilwetter. Von sehr grau und trüb bis richtiggehend beglückt, aus meist winzigen Anlässen. Die leuchtenden Blätter eines eben ergrünten Ahornstrauchs im Hof einerseits, der Wutausbruch eines verzweifelten Berliner Gastronomen auf Insta andererseits. Der Nachbar, der auf dem Balkon leise Gitarre spielt, lenkt mich davon ab, die lange geplante Recherche-Reise zum Comté nun wahrscheinlich doch absagen zu müssen…

Dazu paßt, daß die beiden Weine dieses Mal unfiltriert hefetrüb daherkommen. Hat sich einfach so ergeben… Wenn Ihr sie im Kühlschrank aufrecht stehen laßt und nicht schüttelt beim Eingießen, fließen sie trotzdem ziemlich klar – ich mag das Hefige allerdings (ist auch gut für die Haut ;) und schüttle sie eher ein bißchen vor dem Öffnen.

Alexander Gyslers 2018 PetNat, mit der eigenen Traubensüße und -hefe auf der Flasche vergorene Bubbles, ist aus roten Spätburgundertrauben, hängt farblich zwischen rot und rosé und duftet nach all den roten Beeren und Früchten, die mit den Erdbeeren gerade ihren Anfang nehmen. Spätburgunder (französisch Pinot Noir) ist eine Sorte mit tendenziell “nervöser” Säure, hier jedoch legt sich mit der Hefe ein großer starker Arm beruhigend um die Schultern – irgendwie wird das alles wieder… das Pure und Eigenwillige des Ursprungs, steht auf dem Etikett.

Christopher Barths Weingut liegt direkt hinter dem Hof von Alexander Gysler im beschaulichen Weinheim im Süden Rheinhessens, ist aber im Gegensatz zu dessen Historie bis ins 18. Jahrhundert eine Neugründung. Naturnahe Weine liegen beiden am Herz, befreundet sind sie auch. Mir hat tatsächlich der 2018 Sauvignon Blanc am besten gefallen, normalerweise nicht so mein Ding, viele Weine dieser Sorte haben für mich eine große (Aromen-) Klappe mit nicht sonderlich viel dahinter… Doch auch hier: die Hefe! Und das Vergären mit Stielen und Stängeln, so daß all die weiße, schwarze und rote Johannisbeerfrucht von einem herben Gerüst getragen wird. Ungewöhnlich – wie das Leben im allgemeinen zur Zeit.

Dazu zum Lesen einige der kleinen Haiku-Dreizeiler des dichtenden, wandernden Mönches Matsuo Bashō, aus dem Japan des 17. Jahrhunderts, von Ralph-Rainer Wuthenow auf deutsch nachempfunden, denn direkt übersetzen ist hier noch unmöglicher als sonst. Für mich sind es in ihrer einfachen Art kleine Anstöße für Geist und Seele, wie das Leuchten der Blätter… mal traurig, mal heiter.

Traurigkeit in mir,
einsam ist es geworden –
der Ruf des Kuckucks.

Und schließlich für die Ohren eine großartige Mischung von ebenso vielen Anstößen, anregend, heiter, traurig, ruhig, inspirierend, fragend, zögernd, verzweifelt, dunkel, strahlend, lustig, wütend… Víkingur Ólafsson ist ein junger Pianist aus Island, und er spielt Stücke von Claude Debussy (Impressionist, Ende des 19. Jahrhunderts) und Jean-Philippe Rameau (Barock, zwei Jahrhunderte früher). Er zeigt, wieviel sie gemeinsam haben, ja kaum auseinanderzuhalten sind und tut das so zart und präzise, daß man wieder den beruhigenden Arm um die Schultern zu spüren scheint: es wird weitergehen, mit dem Leben, und dem, was es lebenswert macht.

Leider kann ich Euch nicht das ganze Album offerieren, aber hier ist zumindest ein klitzekleiner Probe-Hörhappen. Bis bald, irgendwie, irgendwann.

Die Idee dieser monatlichen Empfehlungen: Zwei Flaschen, und zu den flüssigen Geschichten außerdem eine in Worten, oft in Gedichtform – das ist der Heinzelwein-Dreier. Kein Verkaufsformat, sondern der Versuch, zumindest einen Teil dessen, was mir so an Wein begegnet, mit Euch zu teilen – abonnieren könnt Ihr diese Serie hier. Und damit Ihr nicht lange suchen müßt: den PetNat könnt Ihr hier bestellen, den Sauvignon gibt es (per Email/Anruf) hier, die Haiku-Sammlung hier und die Musik hier. Trinken, schauen, schmecken, hören, denken, leben müßt Ihr wie immer selbst – keep safe!

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