Heinzelwein-Dreier im August 2018: Sauvignon Gris, Kalecik Karası und Khalil Gibran

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Das Leben kann wunderschön sein – wenn man, frau es denn läßt. Gerade komme ich vom Bosporus zurück. Ja, da war es noch heißer als hier, und ja, ich höre die Einwände, und doch, ich weiß, was da vor sich geht. Und trotzdem, gerade deshalb, jetzt erst recht: hier sind zwei türkische Weine, Weine aus Anatolien. Denn genauso wie beim Riesling von den amerikanischen Finger Lakes oder Furmint vom Balaton in Ungarn:  ob und wann ich diese Weine trinke, lasse ich mir von niemandem diktieren.

Kalecik Karası ist der fantastisch leichtfüßige, kirschfruchtige Rotwein aus der Nähe von Ankara, wo bereits die Hittiter siedelten; von Könnern wie Vinkara das Gegenteil von dunkler Wuchtbrumme, sondern ein sanfter Seelentröster, der sich sehr über ein halbes Stündchen im Kühlschrank freut. Arcadia Gri ist eine Cuvée aus Sauvignon Gris und Pinot Gris und kommt aus dem nördlichen Thrakien, zwischen Ägäis und schwarzem Meer im europäischen Teil der Türkei, an der Grenze zu Bulgarien. Seine kräftige und doch alles andere als schwere gelbgrüne Frucht verbindet sich für mich mit dem Blick über den Bosporus, die frische abendliche Meeresbrise, die selbst an den heißesten Tagen die Gemüter kühlt; seine runde Säure erinnert mich an lange Gespräche, an Lachen und Seufzen, bringt mir den Geschmack von Köfte, Oliven und Pastırma zurück – und das Gefühl tiefer Freundschaft. Das ist es, was zählt, dafür bin ich zutiefst dankbar.

Wieder einmal bin ich durch die großartige Maria Popova auf passende Worte gestoßen, die ich Euch mit diesen Weinen ans Herz legen möchte. Khalil Gibran werden sicher einige von Euch kennen. 1885 im heutigen Libanon (damals Teil des Osmanischen Reiches) geboren, mußte er sich als Zwölfjähriger als Migrant in Boston/USA zurechtfinden. Er schrieb, und er malte, ging zurück in den Libanon, dann nach Paris, wieder in die USA, arbeitete auf Arabisch und auf Englisch, und scheute sich nie vor klaren, anrührenden Worten. Worten, die Brücken schlagen.  Dies ist aus seinem bekanntesten, 1923 veröffentlichten Werk, „Der Prophet“:

Wenn die Liebe euch ruft, folgt ihr,
Auch wenn ihre Pfade beschwerlich und steil sind.
Und wenn ihre Schwingen euch umfangen, gebt euch ihr hin,
Auch wenn das Schwert zwischen ihren Fittichen euch verwunden mag.
Und spricht sie zu euch, schenkt ihr Glauben,
Auch wenn ihre Stimme eure Träume zerschlagen mag, so wie der Nordwind den Garten verwüstet.

Denn so wie die Liebe euch krönt, wird sie euch kreuzigen.
So wie sie euer Wachstum befördert, stutzt sie auch euren Wildwuchs.
Ebenso wie sie zu euren Gipfeln emporsteigt und eure zartesten Zweige liebkost, die im Sonnenlicht zittern, wird sie zu euren Wurzeln hinabsteigen und sie erschüttern in ihrem Erdverhaftetsein.

Liebe und Freundschaft sind das Gegenteil von Vorschriften und Diktaten (das war jetzt von mir, nicht von Khalil Gibran ;-). Genießt den Sommer mit offenen Herzen.

PS Ausnahmsweise doch ein Hinweis, wo es diese Weine gibt: Arcadia im Duty Free auf Istanbuls Atatürk-Flughafen ;-) und die Vinkara-Weine (die mir alle gefallen) hier. Und Dank an meine Freunde in Istanbul und Erzincan – das Foto unten ist von Arda Ipek.

Die Idee dieser monatlichen Empfehlungen: Zwei Flaschen, ganz unterschiedlich, und zu den flüssigen Geschichten außerdem eine in Worten, in Gedichtform – das ist der Heinzelwein-Dreier. Kein Verkaufsformat, sondern der Versuch, zumindest einen Teil dessen, was mir so an Wein begegnet mit Euch zu teilen – abonnieren könnt Ihr ihn hier.

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