HeinzelcheeseLetter für den April 2026: junger Käse aka Oida Topfen, gereifte, frische Bubbles und der Kreislauf des Lebens von Primo Levi (und Gruyère!)

Lange Überschrift kurz gefasst: Frühling. Ostern. Selbst hier im über den Winter oft so grauen Berlin sprießt überall frisches Grün, zucken die Mundwinkel nach oben, glätten sich die Stirnfalten, steigt die allgemeine Toleranz wieder spürbar. A propos Toleranz: auch wenn ich von manchen KollegInnen der schreibenden und podcastenden Zunft höre, „niemand“ interessiere sich für irgendetwas jenseits des weithin erhältlichen Mainstreams – mein Grundprinzip bleibt die Horizonterweiterung. Ich glaube fest daran, dass Ihr auch (oder vielleicht, hoffentlich gerade!) über Käse und Weine lesen möchtet, die es nicht in jeder Straßenecke gibt, oder sie bei den HeinzelcheeseTalks erschmecken. Wie etwa demnächst aus Uruguay.

(Witzigerweise sind aber ausgerechnet dieses Mal sowohl Käse als auch Wein relativ erschwinglich und verhältnismäßig erhältlich ;)))

Der Oida Topfen (für Nicht-Bayern: alter Quark) schmeckt nicht nur köstlich, quasi wie ein frischer, nicht süßer Käsekuchen, sondern verkörpert im Wesen auch ganz allgemein den Werdegang von Milch zu Käse; alte Milch, junger Käse. Aus bester bayerischer Biomilch von den Jungs der Münchner Käsemanufaktur mitten in der Stadt gefertigt; bestens schon zum Frühstück, auf dem Salat, in Nudelteigtaschen… oder einfach so, zum Wein!

Weiße Sause nennt Nico Espenschied seinen PetNat. Grundwein: Scheurebe aus dem Jahrgang 2022, von alten Reben in Flonheim, mitten in Rheinhessen. 4 Tage auf der Maische, sanft gepresst, spontan im Edelstahl vergoren. Méthode ancestrale mit zwei Jahren Hefelager, keinerlei Zusätze, auch kein Schwefel, hefetrüb. Leicht im Alkohol, ganz trocken, mit erfrischenden, aber nicht aggressiven Grapefruitaromen: „Diese Balance entsteht durch das lange Reifen auf der Hefe, den muss man einfach mal zwei Jahre vergessen,“ sagt Nico – recht hat er. Großartig zum alten Quark.

Zum Lesen: das letzte Kapitel aus Primo Levis „Das Periodische System“. Ich habe mich erst vor kurzem, also sehr spät mit diesem außergewöhnlichen Autor beschäftigt. Vieles hat mich sehr angerührt, neben seinem Hauptwerk „Ist das ein Mensch?“ Im „Periodischen System“ lässt der promovierte Chemiker und Auschwitz-Überlebende Stationen seines Lebens an sich vorüberziehen, angeordnet wie die chemischen Elemente, von Argon bis Kohlenstoff: Jugend in Turin, erste Liebschaften, Mussolinis »Rassengesetze«, das Lager, die Zeit nach dem Krieg und den Kampf um die Rückkehr zur Normalität. Im letzten Kapitel erzählt er die Geschichte eines einzelnen Kohlenstoffatoms, dem Element des Lebens. Nachdem es Hunderte von Millionen Jahren in einem Kalkfelsen an drei Sauerstoff-Atome und ein Kalzium-Atom gebunden war, gerät es im 19. Jahrhundert erst in ein Weinblatt und dann in einen weintrinkenden Menschen, später in einen Schmetterling und schließlich in einen Holzwurm. Mit einem Glas Milch wird es Teil von Levi selbst, Teil seines Hirns.

Es ist die Zelle, die in diesem Augenblick, aus einem labyrinthartigen Wirrsal von Ja und Nein heraus, bewirkt, dass meine Hand einen bestimmten Weg auf dem Papier zurücklegt, es mit diesen Kringeln versieht, die Zeichen sind; ein doppeltes Losschnellen, nach oben und nach unten, in zwei Takten, führt meine Hand, und sie drückt diesen Punkt aufs Papier: diesen. (Übersetzung Edith Plackmeyer)

Der große Kreislauf des Lebens, Werdens, Seins – was könnte besser zu dieser Zeit des Jahres passen.

Termine: nächster Heinzelcheesetalk am 10.4., Uruguay (siehe oben, leider voll), die Käseschule am 23.4. bei Goldhahn und Sampson ist leider schon ausgebucht, für das Special zum Ziegenkäse dort am 7.5. gibt es noch ein paar Plätze. UND: krankheitsbedingt habe ich jetzt wieder zwei Plätze für die Exkursion zum Gruyère, während Lyon voll besetzt ist – letzteres freut mich natürlich sehr, für ersteres erwarte ich bei Interesse gerne alsbald möglich Eure Nachricht.

Danke für Euer fortwährendes, wachsendes Interesse, es bedeutet mir viel. Das Leben geht immer weiter – frohe Ostern.

PS noch was zum Lesen von mir: ein Portrait des hier schon häufiger erwähnten Weinguts von Thomas Harteneck im Markgräfler Land, im aktuellen Slow Food Magazin (ein Klick aufs Bild vergrößert es).

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