Heinzelwein-Dreier für den März 2022: Rosé und Rot in Paris, um das Grau zu lindern, und der Hase mit den Bernsteinaugen vs die Vergänglichkeit der Dinge

Der Heinzelwein-Dreier ist eine monatliche Serie, die Ihr hier abonnieren könnt.

Drei Tage Anfang März in Paris klingt ganz wunderbar, und war es einerseits auch, und andererseits zog sich natürlich auch darüber der allgemeine, düstere Grauschleier, den der unfaßbare Krieg gegen die Ukraine über alles und jeden Moment legt. Ich hatte mich auf den Salon du Fromage, lange nicht gesehene Freunde und das so ganz besondere Licht an der Seine gefreut – und sah mich, wie wir alle, mit innerlich nagenden Fragezeichen zu alldem konfrontiert. Es gibt viele Ansätze, damit mehr oder weniger zurechtzukommen, zu meinem gehört definitiv Wein.

Von einem der Cafés an den Boulevards die Menschen zu beobachten, über die Fragilität dieser für uns so selbstverständlichen Welt und Lebensweise zu sinnieren, ihre Vergänglichkeit… Rosé aus der Provence dazu klingt erstens wie Klischee und zweitens wie die Flucht im Weinglas, paßt aber mit floraler, hellroter Frucht trotzdem zu den ersten Blüten und Blattspitzen, die sich dort schon überall zeigten. Zuhause in Berlin ist es der 2021 Mas de Cadenet. Abends, beim ersten Frösteln, war es dann eher roter Côtes du Rhône, gegenwärtig nicht sehr beachtet, und doch nach wie vor verläßlich und gut, der mir cremig und warm Gesellschaft leistete; in Berlin der 2020 Cuvée Papillon der Familie Chenivesse. Beide sind unkompliziert und kompromißbereit, und das ist besonders im Moment nicht zu unterschätzen.

Einer der Gründe, nach Paris zu fahren, war neben Käse und Freundschaft Edmund de Waal – Ihr erinnert Euch, der Hase mit den Bernsteinaugen, die ergreifende Familiengeschichte der Ephrussi, jüdische Bankiers in Wien, die von den Nazis beraubt und in vielen Fällen ermordet wurden, nachdem sie lange Zeit zum bürgerlichen und aristokratischen Establishment gehört hatten. Die Familie Camondo war nicht nur mit ihnen verschwägert, sondern erlebte in Paris genau das gleiche Schicksal. Ihre prunkvolle Familienresidenz am Parc Monceau ist – trotzdem? – seit 1936 ein staatliches Museum, in dem nichts verändert werden darf. Edmund de Waal, Künstler und Nachkomme der Ephrussi, stellt bis zum 15. Mai seine eigenen, schlichten Werke aus Ton in all diese Pracht und hat ein bemerkenswertes Buch über seine Beziehung zu dieser Vergangenheit geschrieben, Letters to Camondo.

Es besteht aus 58 Briefen an seinen entfernten Großonkel, kurze Essays, in denen er Fragen stellt: zum Dazugehören, zur Vergänglichkeit, zum Sinn der Kunst und Schönheit in all dem. Ich fand die Pracht der Villa erdrückend, die ungeheure Ansammlung von – zugegebenermaßen erlesenen, höchst vollendeten – Dingen von Verzweiflung durchdrungen. Und es hat nichts genützt, letztendlich. Moïse de Camondo, Stifter des Museums, starb 1935 eines natürlichen Todes, all seine Nachkommen wurden von den Nazis ermordet.

Edmund de Waal schreibt an Moïse de Camondo:

So I think what you are doing here is a way of keeping things safe. I think you know what you are doing is difficult and perverse. I think you know what dispersion means in your heart. You know that the world is entropic. And I think you know that this diaspora is happening and want this staying still and this moment of the turn of the breath. You are taking a bet on the future.

Und er schreibt im Katalog über seinen Beitrag zum Museum:

You cannot mend this house or its family. You can mark some of the broken places. You can mark them properly and with dignity, with love. And then move away again, let the house be.

Die Idee dieser monatlichen Empfehlungen: Zwei Flaschen , und zu den flüssigen Geschichten außerdem eine in Worten, oft in Gedicht- oder Musikform – das ist der Heinzelwein-Dreier. Kein Verkaufsformat, sondern der Versuch, zumindest einen Teil dessen, was mir so an Wein und Worten begegnet, mit Euch zu teilen – abonnieren könnt Ihr diese Serie hier. Und damit Ihr nicht lange suchen müßt: die Weine gibt es zum Beispiel hier und hier. Hier ist der Link zu der Ausstellung, und hier Edmund de Waals Buch im englischen Original und hier in der deutschen Übersetzung von Brigitte Hilzensauer. Trinken, schmecken, lesen, denken und mit dem Leben fertigwerden, müßt Ihr wie immer selbst – keep safe (und das klingt heute leider nochmal ganz anders als vor einem Monat).

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