Heinzelwein-Dreier für den April 2022: Wein aus Slowenien und Kunst aus Kriegszeiten

Der Heinzelwein-Dreier ist eine monatliche Serie, die Ihr hier abonnieren könnt.

Ich war noch nie in Slowenien, hoffe das aber so bald wie möglich zu ändern, nicht zuletzt wegen der Weine des kleinen Landes zwischen Alpen, Karpaten und Adria. Wie so vieles dort ist auch der Wein stark von der neuesten Geschichte geprägt, der Zeit seit dem Berliner Mauerfall, und hat doch sehr tiefe, alte Wurzeln. Er erinnert daran, wieviel sich seitdem zum Positiven gewendet hat und für wie selbstverständlich uns dies erscheint – und wieviel in dem brutalen Krieg in der Ukraine auf dem Spiel steht.

Heinzelwein-Leser wissen, daß Sauvignon Blanc nicht unbedingt zu meinen Lieblingsrebsorten gehört. Doch gibt es immer wieder Ausnahmen, wie den 2019 Colles Sauvignon Blanc von Michael und Maria Gross, die vor über zehn Jahren aus der Südsteiermark nach Gorca im Osten Sloweniens gezogen sind, um Vino Gross zu gründen. Ihre Reben wachsen an steilen terrassierten Hängen mit kargen Kalkmergelböden, im Keller stehen Holzfässer, und die Weine werden vor allem in Ruhe gelassen, bevor sie unfiltriert abgefüllt werden. Hier steht nicht der beim Sauvignon oft so aufdringliche Johannisbeeren-Sortencharakter im Vordergrund, sondern eine runde, weinige Gelassenheit, die Spannung birgt und doch ruhig wirkt und sich im Glas, aber auch über mehrere Tage in der geöffneten Flasche immer weiter entwickelt.

Was auch für den 2018 Retro selection von Zmagoslav Petrič gilt, der sein Weingut Guerila 2005 in Planina, im Vipava-Tal im Nordwesten Sloweniens gegründet hat. Auch dies sind karge, steile Hänge, die Einzellage Pri Pili keine 30 Kilometer von der Küste entfernt. Rebula, Zelen, Pinela, Malvazija, vier autochthone weiße Sorten, werden zu gleicher Zeit geerntet, und die Trauben mazerieren eine Woche im Most, was dem Wein ein feines Gerbstoffgerüst verleiht. Langes Lagern auf der Hefe, biologischer Säureabbau… alles nur technische Erklärungen, entscheidend ist für mich auch hier wieder die ruhige Art mit einer Fülle an Wildkräutern und herben Honignoten, jedoch ohne Süße.

Beides sind Weine, die einem das Gefühl geben, es könne trotz allem irgendwie weitergehen mit dieser Welt. Das kam mir auch bei den Bildern und Collagen von Hannah Höch in den Sinn, die noch bis 15. Mai im Bröhan-Museum in Berlin unter dem Titel “Abermillionen Anschauungen” zu sehen sind. 1889 in Gotha geboren, 1978 in Westberlin gestorben – und dazwischen ein langes, immer von der vom Dadaismus geprägten Kunst bestimmtes Leben, inklusive zwei Weltkriegen und Ausstellungsverbot im Nationalsozialismus. Höch zog sich vorübergehend ins Private zurück – und arbeitete doch immer weiter. Dies sind Selbstbildnisse von 1937 und 1940. Ich wünsche Euch, uns, allen, daß wir weitermachen können.

Die Idee dieser monatlichen Empfehlungen: Zwei Flaschen , und zu den flüssigen Geschichten außerdem eine in Worten, oft in Gedicht- oder Musikform – das ist der Heinzelwein-Dreier. Kein Verkaufsformat, sondern der Versuch, zumindest einen Teil dessen, was mir so an Wein und Worten begegnet, mit Euch zu teilen – abonnieren könnt Ihr diese Serie hier. Und damit Ihr nicht lange suchen müßt: die Weine gibt es zum Beispiel hier und hierHier ist der Link zu der Ausstellung. Trinken, schmecken, denken und leben, müßt Ihr selbst – bitte weitermachen.

Flucht (1931)

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