Der Käse für den Monat Dezember 2019 ist: Pecorino aus Kalabrien, vom Borough Market in London.

London ist seit langem ein fester Bezugspunkt im Heinzelcheese-Universum, und meine Käseschritte führen mich dort beinahe automatisch in Richtung Neal’s Yard Dairy und deren wunderbarem Laden in der Park Street am Borough Market. Kurzer Blick zurück, um über all der momentanen brexitschwangeren Zukunftsspekulation nicht die Vergangenheit aus den Augen zu verlieren: als Neal’s Yard Dairy, damals noch unter Mitbegründer Ralph Hodgson, hier 1996 neben dem kleinen Laden in Covent Garden eine zweite Adresse etablierte, gab es Borough Market als solches noch gar nicht, war dieser Markt tatsächlich noch ausschließlich den Großhändlern vorbehalten. Hodgson initiierte dann mit Henrietta Green zusammen 1998 einen ersten Farmers Market – und der Rest ist erlebbare, schmeckbare Geschichte!

Das Großartige ist, daß Hodgsons Risikobereitschaft und Vision nicht nur dem britischen Käse zu einer Blütezeit verholfen haben, sondern als Vorbild für andere Länder dienen – und es inzwischen auch viele andere hervorragende Käsestände aller Art unter dem hohen Dach unter den Bahngleisen an der London Bridge gibt.

Und deshalb – sorry, lange Einleitung – bin ich diesmal gar nicht bis zu Neal’s Yard Dairy gekommen! Denn plötzlich stand ich vor einem kleinen Paradies wie ein Kind bei der Bescherung am Weihnachtsbaum. Da lockte Marzipan in kleinen Päckchen, standen getrocknete Früchte und Nüsse in großen Gläsern, Honig leuchtete goldgelb, dunkelrote Chilischoten hingen in langen Schnüren, es gab Kapern, Acciughe, Salami, Olivenöl… und mittendrin ein paar Käselaibe: kleinere, größere, harte, weiche.

Heinzelcheese-Effekt könnt Ihr Euch denken: sofortiger Stehenbleiben-Fragen-Probieren-Kauf-Impuls! Francesco, ein superfreundlicher Lockenkopf, ließ mich bereitwillig verkosten, erklärte mir, daß er für den Eigentümer Giuseppe Mele arbeite und wie dieser aus Kalabrien käme, Italiens Stiefelspitze. Alles hier sei aus ihrer Heimat und direkt von den Bauern dort. Giuseppe spreche mit dem einen und dem anderen, fahre von Hof zu Hof, immer auf der Suche nach dem Besten, Ursprünglichsten… ein Prinzip, das viele vorgeben, aber nur wenige so konsequent und unprätentiös umsetzen.

Alle Käse waren herausragend: ein ganz frischer Ziegenweichkäse, eine gereifte Version davon, ein achtmonatiger, leicht geräuchter Ziegen-Ricotta (in der Textur ähnlich dem Graubündner Mascarplin aus der Schweiz) und – Pecorino. Wow. 24 Monate alt, die braungraue Rinde einem Fiore Sardo sehr ähnlich, mit einer Ahnung von Rauchnoten – doch dann deutlich „saftiger“, die komplexe Schafsmilch-Würze von einer fruchtigen Lieblichkeit ergänzt… ganz großes Käsekino. Grazie tanto, Francesco und Giuseppe!

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