Heinzelwein-Dreier im August 2019: österreichische Bubbles, Rosé aus Südfrankreich und der Tao Te Ching von Lao Tzu

Der Heinzelwein-Dreier ist eine monatliche Serie, die Ihr hier abonnieren könnt.

Es ist ein Klischee, ich weiß, aber im Sommer steigt meine Rosé-Lust ganz extrem. Besonders die südfranzösischen Rosé-Weine aus Grenache und Syrah, die Frucht und Körper so wunderbar mit Frische verbinden, fangen Tageshitze und laue Nächte in sich auf und machen Sommerkulinarik mit Tomaten, Oliven, Hummus & Co zu wahren Festessen. Mein Liebling im Moment ist der Le Clos von Jean Boudau aus Rivesaltes im Roussillon. Kaltstellen, trinken, freuen.

Doch gibt es natürlich auch im Sommer besondere Momente, wenn Seele, Geist und Gaumen herausgefordert werden möchten – und dafür ist mir neulich der Extra Brut von Fred Loimer aus Langenlois im Kamptal „passiert“. Aus Grünem Veltliner, Zweigelt und Pinot Noir, zwei Jahre auf der Hefe „verbubbelt“, stark von dieser Zeit geprägt, mit viel „roter“ Säure und ohne jeglichen Anflug von kuscheligem Brioche – ein Schäumer mit soviel Energie wie die kalte Dusche nach einem ausgedehnten Saunagang.

Letzteres Bild kam nicht von ungefähr an jenem Abend, als der Korken ploppte, denn ich war im Hamam gewesen, hatte ausgiebig sauniert und mich dann mit entspanntem Geist meiner Lektüre gewidmet, Ursula Le Guins Interpretation des Tao Te Ching. Le Guin, auf deren Gedanken der Heinzelwein-Dreier ja beruht, sagt über diese Sprüchesammlung, die auf Lao Tzu, einen legendären chinesischen Gelehrten aus dem 4. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung zurückgeht:

It is the most lovable of all the great religious texts, funny, keen, kind, modest, indestructibly outrageous, and inexhaustibly refreshing. Of all the deep springs, this is the purest water. To me, it is also the deepest spring.

Sie hat den schmalen Band in den 1990ern neu interpretiert, und jede einzelne Seite ist lesenswert und anregend und beruhigend und tröstend und mysteriös und unnachgiebig fordernd, und es geht immer um das harmonische Zusammenleben. Ich zitiere hier nur eine Seite, als Probeschluck…

Insight

If my mind’s modest,
I walk the great way.
Arrogance
is all I fear.

The great way is low and plain,
but people like shortcuts over the mountains.

The palace is full of splendor
and the fields are full of weeds
and the granaries are full of nothing.

People wearing ornaments and fancy clothes,
carrying weapons,
drinking a lot and eating a lot,
having a lot of things, a lot of money:
shameless thieves.
Surely their way
isn’t the way.

Ursula Le Guins Kommentar als Fußnote lautet: So much for capitalism.
Ich wünsche Euch möglichst viele schöne Sommer-Momente.

Die Idee dieser monatlichen Empfehlungen: Zwei Flaschen, und zu den flüssigen Geschichten außerdem eine in Worten, in Gedichtform – das ist der Heinzelwein-Dreier. Kein Verkaufsformat, sondern der Versuch, zumindest einen Teil dessen, was mir so an Wein begegnet, mit Euch zu teilen – abonnieren könnt Ihr diese Serie hier. Und damit Ihr nicht lange suchen müßt: falls Ihr in Berlin wohnt, gibt es den Rosé von Boudau hier und hier den schäumenden Loimer (ansonsten aber auch viele Versender im Internet) und hier das Buch von Lao Tzu bzw. Ursula Le Guin. Trinken, lesen, schmecken, denken müßt Ihr wie immer selbst.

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