Ein Traminer-Fest: Insider-Verkostung in der Bar Freundschaft Berlin, 21.08.19

Die große Scheurebe-Verkostung im November 2017 (die Zeit fliiiiiegt!), die ich zusammen mit Fabian Mengel und Katharina Wechsler organisiert hatte, hat ein Format etabliert, das mir ausgesprochen gut gefällt. Ein Überblick zu einem Weinthema, das etwas außerhalb des Mainstreams liegt, fernab von PR oder Verkaufstalk, mit einer Gruppe offener, gleichgesinnter Verkoster, straff angelegt und ohne Schnickschnack an einem Nachmittag unter der Woche.

Dieses Mal hatten wir uns auf das Thema trockener Traminer geeinigt, das aus meiner Sicht, gemessen an der Qualität der Weine, in den Regalen, auf den Karten und in den Gläsern äußerst unterrepräsentiert ist. Fabian war wieder mit von der Partie, Nico Espenschied auch (der dann aber leider nicht kommen konnte), und da Willi Schlögl inzwischen ein paar Straßen weiter Wein in die Gläser gießt, saßen wir also in der Bar Freundschaft (danke, Willi – und alle, die großzügig Weine zur Verfügung gestellt haben!).

Wir hatten die Auswahl auf die besten Abfüllungen und jeweils einen Jahrgang beschränkt und begannen mit einem kurzen theoretischen Einstieg zur Rebsorte, der vor allem Harding/Robinson/Vuillamoz und ihrem großartigen Werk Wine Grapes geschuldet war. Der Oberbegriff dieser Sorte, schreiben sie dort, muß eigentlich Savagnin heißen. Alles, was wir als Gewürztraminer, gelber oder Traminer oder Heida und Païen kennen, sind keine Verwandten sondern Klonvariationen einer Wildrebe, deren Ursprung wahrscheinlich im Nordosten Frankreichs beziehungsweise Südwesten Deutschlands liegt – eventuell könnte Savagnin sprachlich auch auf „sauvage“, wild, zurückgehen. Aus Tramin in Südtirol stammt der Savagnin also nicht, dort wurde jedoch sehr erfolgreich eine aromatische Cuvée gehandelt (unter anderem aus weißem Lagrein und Muskateller), die als Traminer bekannt wurde und in anderen Gegenden mit dortigen Sorten nachgebaut wurde. Ampelographisch ist der Savagnin mit dem Pinot Noir verwandt (allerdings nicht hierarchisch) und zusammen mit dem Heunisch (aka Gouais Blanc) bilden sie das Dreigestirn am Ursprung der meisten uns vertrauten Rebsorten der westlichen Moderne: Veltliner, Silvaner, Manseng, Chenin, Sauvignon blanc, Cabernet Franc und Sauvignon, Carmenère, Merlot…

Die lange und enge Beziehung Savagnin/Pinot Noir kommt auch durch die vielen, teils übergreifenden Synonyme zum Ausdruck. In Jura und Westschweiz heißt der Pinot Noir auch Savagnin Noir, in Zürich Clevner – was in Württemberg für Frühburgunder steht, während in der badischen Ortenau so der Gewürztraminer bezeichnet wird, im Elsaß hingegen Pinot Blanc… mit Ausnahme des Klevener de Heiligenstein, denn das ist roter Traminer bzw. Savagnin rosé.

Zum Wein im Glas: in den 1980ern war der Ruf des Traminers am Boden, er galt als süßlicher, parfümierter, nahezu unverkäuflicher Wein. Der Reload als trockener, essentauglicher Wein mit Trinkfluß ist einer Gruppe von Winzern in Südtirol zu verdanken, allen voran Martin Foradori/Hofstätter, Hans Terzer/St Michael-Eppan und Willi Stürz/Kellerei Tramin. Sie schufen in den 1990ern einen Weinstil, der mich an Sonnenuntergänge in den Dolomiten und rosa Grapefruit denken läßt und sich auch als „Riesling on steroids“ bezeichnen ließe – eine Flasche zu zweit als Apero auf dem Balkon? Kein Problem! Das war auch eine Reaktion auf die Neutral-Weißwein-Pinot-Grigio-Welle, an der wir damals alle schier erstickten, und längst sind diese Traminer-Spitzencuvées nicht nur mit die gefragtesten Weißweine Italiens, sondern auch Vorbild für viele andere.

Und damit – Wein in die Gläser! Wir gingen paarweise vor und begannen im Südtirol (die Jahrgänge und genauen Bezeichnungen stehen unten in der Liste, die folgenden Eindrücke sind vornehmlich, aber nicht ausschließlich meine eigenen), und zwar in den echten Höhenlagen: eher rund und schmelzig fein, mit diskreter, aber prägnanter Säure der Franz Haas, deutlich kerniger und steiniger der noch sehr junge Wein der Pligers. Zweimal Hofstätter: der trotz Alkohol straffe, gelborangezitrusgeprägte Klassiker Kolbenhof (dazu Teltower Rübchen!) und der nach zehn Jahren Hefelager abgefüllte Pirchschrait, ein Bananenpüreeschmeichler im besten Sinne, für gestreßte Gäste und Sommeliers gleichermaßen geeignet, sollte auf Rezept verordnet werden und gefiel allgemein sehr. Sehr interessant der noch sehr junge, mich anfangs an Nougat, Marzipan und Ananasgelee erinnernde Brenntal von der Kellerei Kurtatsch, der erst mit der Luft seinen festen Kern offenbarte (hoffentlich packt davon jemand ein paar Flaschen in den Keller!), neben dem verhaltenen, beinahe leichtfüßig tänzelnden Lunare aus Terlan, bei dem blind wirklich niemand auf 15% Alkohol getippt hätte. Ganz anders, nicht weniger charaktervoll der Exilissi von Baron de Pauli, rauchig, gelbfruchtig, sehr lange anhaltend, der in der Runde auf viel Interesse stieß, und schließlich (zumindest was mich betrifft) die Benchmark, der Nußbaumer aus Tramin – lange, superklare Frucht, sehr zugänglich und komplex zugleich, mit dieser Grapefruit-Sonnenglühen-Komponente…

Der Heida-Gletscherwein von Chanton aus dem Wallis zeigte, wie Traminer/Savagnin auch mit vegetativen Noten beeindrucken und ganz von Stein und Substanz leben kann; er wirkte beinahe zeitlos. Der Keuka Spring hatte danach einen schweren Stand, und der Bellangelo gefiel uns allen, wir waren uns allerdings nicht sicher, ob wir blind die Rebsorte erkannt hätten.

Dann ging es zu den deutschen Weinen. Zimmerling aus Pillnitz demonstrierte Eleganz, Mineralik, eine ruhige, bestimmte Tiefe, die uns alle schwer beeindruckte, während der Minges ein Bilderbuchbeispiel für gelungenen Mainstream-Sortencharakter darstellte. Eher von straffer Säure bestimmt, geradezu erfrischend und einfach richtig gut der Weegmüller. Oberhofer zeigte, daß „Schwere“ nicht vom Alkoholgehalt bestimmt wird, dies war mit 12,5% ein weich wirkender Wein, der von einigen als ein wenig aufdringlich und nicht übermäßig harmonisch beschrieben wurde. Ganz das Gegenteil der Riffel vom Quarzitboden des Scharlachbergs: gebackene Äpfel in der Nase, ohne erkennbare Restsüße, mit deutlichem Gerbstoff im Nachhall war dies das Gegenteil von einem Schmeichler; er forderte intelligente Zuwendung – was auch auch für den zarteren Odinstal galt, sehr fein. Nico Espenschieds vier Wochen auf der Maische vergorener, ohne Schwefelzusatz abgefüllter Hautnah war erwartungsgemäß stark vom Gerbstoff bestimmt, duftete überraschenderweise nach Crème brûlée – und verdient Beobachtung über Tage…

Auch der nach dem Esel des Hofes benannte Savagnin Arco von Dolomies aus dem Jura gab sich erst einmal sehr verschlossen, erinnerte dann in der Nase an Sauerkraut, Veilchen und Bienenwachs, auch getrocknete Orangenschale, und öffnete sich am Gaumen sukzessive – damit hätte ich mich gerne in eine Ecke zurückgezogen. What a beauty… Werde ich bestimmt (hoffentlich) nicht das letzte Mal im Glas gehabt haben. Julien Meyer weckte uns mit unverhohlener flüchtiger Säure (Kombucha, Rotkohl, lauteten Eure Kommentare) aus den Träumereien, was manchen gefiel und für andere nicht akzeptabel war.

Traminec aus Slowenien von Gross vereinte uns wieder, erinnerte an den Heida, wirkte würzig, floral reduktiv, mysteriös. Andi Gsellmanns Wein ließ mich interessanterweise an blaurote Frucht denken und deklinierte kühle Gerbstoffe im Einklang mit Eleganz, während der Freyheit von Heinrich in der Keramikflasche nach Bratkartoffeln mit Spiegelei roch (sorry, mein Eindruck, nicht negativ), erstaunlich schlank wirkte (spontan vergoren, 19 Tage auf der Maische, 17 Monate im Eichenfaß), aber auch etwas monolithisch. Nochmals eine ganz andere Facette dieser Naturwein-Richtung zeigte Uwe Schiefer, deutlich gereifter, mit Zwiebel- und dunklen Schokoladennoten, Salzkaramell und Earl Grey, die Gerbstoffe hier sehr fein eingebunden. So gut wie gar keine Traminer-„Typizität“(was ja aber sowieso ein schwieriger Begriff ist) zeigte dann der Tement; reduktive Cassisnote, sehr schlank und fruchtbetont, hätte ich blind als Riesling angesprochen. Knoll brachte uns zuverlässig zurück auf den Traminer-Track, geradlinig, gelbrosenduftig, gut. Deutlich trockener schmeckte trotz des wesentlich höheren Alkohols abschließend der Nußberg von Gross, geradezu pfeffrig.

Fabians Trio von restsüßen Weinen war danach geradezu erfrischend, besonders der 2015 jetzt ein wahres Vergnügen. Bei Zimmer-Mengel gibt es bis jetzt keinen trockenen Traminer – aber das könnte sich in Zukunft ändern: „Gewürztraminer und ich waren bis jetzt kein Ding, aber das hat mir heute die Augen geöffnet“, sagte er. Meine kurze, unrepräsentative abschließende Frage in die Runde ergab als Favoriten (ohne Sortierung!) Heinrich, Zimmerling, Chanton, Dolomies, Odinstal und Tement. Ich würde beinahe alle Weine sehr gerne in Ruhe trinken und dazu Schinken, fermentiertes Gemüse, alle Arten von Käse, gebratenes Geflügel, Wurzelgemüse aus dem Ofen mit Koriander und Pfeffer oder auch ein Steak essen. Danke Ihr Winzer, danke Ihr Mitverkoster!

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