Käse aus Fribourg, Wein aus Yvorne und die Liebe in MFK Fishers Geschichten

Vor kurzem mußte ich in die Schweiz fahren, um jemanden in der Nähe von Luzern zu interviewen. In einem Versuch der Super-Organisation buchte ich meine Flüge nach und von Genf, um bei dieser Gelegenheit Käser in Fribourg zu besuchen und dann mit dem Zug nach Luzern zu fahren. Der Versuch scheiterte, der Käse fand nicht statt, stattdessen erfuhr ich an der eigenen Kreditkarte, daß Bahnfahren in der Schweiz noch teurer ist als in Deutschland. Um es ganz direkt auszudrücken: ich kam mir wie ein Vollidiot vor.

MFK2Warum hatte ich meinen Flug nicht auf Zürich umgebucht, von wo es nach Luzern nur ein kurzer Sprung ist? In diesem Moment wußte ich nicht, welches Geschenk mich erwartete: das Wetter war mir wohlgesonnen, die Herbstsonne brachte die Weinberge am Ufer des Genfer Sees zu filmreifem Leuchten. So schön… Dann sah ich ein Straßenschild: Chexbres. Und war plötzlich in der Welt von MFK Fisher, der amerikanischen Schriftstellerin, die uns gezeigt hat, daß über Essen zu schreiben bedeutet, über das Leben als solches zu schreiben.

Chexbres nannte sie die Liebe ihres Lebens, den Mann, mit dem sie einige kurze Jahre Ende der 1930er unweit von Vevey lebte, in einem Haus namens Le Pâquis. In einer ihrer besten Geschichten geht es um ein ganz und gar ungewöhnliches Essen, zu dem er sie einlud (und natürlich ist es eine Geschichte über Liebe und Sexualität, die in The Gastronomical Me nachzulesen ist, am Ende des Kapitels The Measure of My Powers) und ihr Kaviar, Toast und Gin servierte. Während ich träumte, glitt der Zug meinem Termin entgegen. Ich machte mein Interview (was nicht ganz so romantisch war wie MFK’s spätnächtliches Rendezvous) und fuhr am nächsten Tag wieder nach Genf, für den Flug zurück nach Berlin. Als Geste der Versöhnlichkeit mir selbst gegenüber kaufte ich zuvor ein Stück Vacherin de Fribourg. Der halbharte Schnittkäse ist tendenziell eher angenehm als wirklich aufregend, aber erschien mir genau das Richtige als spätabendlicher Snack. Ich lief die Treppe hinauf in den zweiten Stock, ganz erfüllt nach dieser unerwarteten virtuellen Begegnung – und da erwartete mich die wahre Überraschung, nämlich einer dieser Momente, die mich in meiner Überzeugung bestärken, daß es irgendwo da draußen einen größeren, für uns unbegreiflichen Plan gibt, und daß der Begriff Zufall nur unsere Unwissenheit entlarvt.

Denn in einem Plastikbeutel hing da an meiner Wohnungstür ein Einflaschenkarton von einem Paketdienst. Das war ungewöhnlich, ein Nachbar mußte dafür unterschrieben haben. Ich ging hinein, stellte meine Sachen ab und öffnete das Ding, neugierig wie immer. Einen Augenblick lang konnte ich mein Herz tatsächlich schlagen hören: es war eine Flasche Weißwein aus Yvorne, 20 Minuten mit dem Auto von Chexbres am östlichen Ende des Genfer Sees bei Aigle…

In ihren Tagebüchern und Briefen schreibt MFK nicht nur über ihre Freude am Gärtnern und andere wunderschöne Essen, sondern erwähnt auch den dortigen Wein. Der ist immer aus Chasselas-Trauben, wie der, der jetzt vor mir stand, eine Probe einer Kollegin und Freundin, der Schweizer Weinautorin Chandra Kurt, die ihn für ein regionales Weinhandelshaus selektioniert hat. Ich legte das Stück Fribourg auf ein Holzbrett und öffnete die Flasche, atmete tief in die Nüsse, weißen Blüten, Honig hinein, schmeckte die runde, weiche Ruhe… So hatte ich mein eigenes kleines Festmahl, zu Ehren von Chexbres und MFK, dem Leben und der Liebe, Käse und Wein. Und mir war einmal mehr bewußt, daß sich die besten Momente nicht planen lassen, sondern ganz von allein und ganz unerwartet geschehen.

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