Heinzelwein-Dreier im Mai 2019: The Peace of Wild Things, Wendell Berry und Jochen Beurer

Der Heinzelwein-Dreier ist eine monatliche Serie, die Ihr hier abonnieren könnt.

Mainzer Weinbörse. Die Weinwelt probiert den neuen Jahrgang der deutschen Spitzenweingüter, und die Weine des Vorjahrgangs, und dann noch ein paar 2016, und 2015… Jede Menge Wein und Menschen, und es ist wahnsinnig interessant, und wahnsinnig anstrengend, und eine Frage der Disziplin und Übung, sich in dieser Fülle nicht zu verlieren. Nicht nur mechanisch das Glas zu schwenken, an die Nase zu halten, dann an den Mund, zu schlürfen, zu spucken und automatisch irgendetwas über Frucht, Säure und Abgang zu notieren. Sich stattdessen tatsächlich auf genau diesen Wein zu konzentrieren, und den Winzer, den Menschen, der hinter ihm steht.

Lange Vorrede, kurz gemacht: da stand ich am Morgen des zweiten Tages, und war plötzlich ganz ruhig und gelassen und glücklich. Probierte mich in beinahe einer Stunde (rechnerische Effizienz geht anders ;-) durch zehn Weine und hatte das Gefühl, als sei ich im Wellnesscenter zur Entspannung-Reha gewesen.

Deshalb hier für Euch: Jochen Beurer. Aus Kernen-Stetten, einem Nebental des Remstals, in Württemberg. Auf außergewöhnlichen, von uralten Meeresablagerungen bestimmten Böden wachsen hier außergewöhnliche Rieslinge (und Zweigelt, Sauvignon Blanc, Spätburgunder, Lemberger…), bei denen nicht die Frucht im Vordergrund steht (obgleich die schon auch da ist), sondern eine ganz eigene, spannende Würze. Kann man mineralisch und Terroir nennen, oder auch ganz anders. Egal. Jochens Vater ist 1997 aus der Genossenschaft ausgetreten, und die beiden haben aus dem Nichts die heutigen 13 Hektar Weinberge und das Weingut geschaffen. Sehr unabhängig im Geist, sehr umtriebig und auf stille Art sehr zielstrebig. Jochen arbeitet biodynamisch, wickelt bei vielen seiner Weinberge die Triebe um die Drähte, statt sie zu schneiden, und war in manchen Flächen schon seit Jahren nicht mehr mit dem Traktor – „der Boden dankt einem das so sehr“ sagt er.

2017 Riesling Schilfsandstein: Entspannungsübung für jeden Tag, orangepinkzitrusduftend und still leuchtend…

2017 Riesling Kieselsandstein: hat noch mehr Zeit bekommen, beim spontanen Gären, auf der Hefe, beim Absitzen, und ist unfiltriert abgefüllt worden. Schmeckt zugleich ganz jung und straff und auch ganz alt (im Sinn von weise und abgeklärt). Bringt alle Nuancen von Gelb auf den inneren Schirm, und vielleicht liegt das ja an dem Glimmer, Feldspat, Quarz und Dolomit im Boden? Keine Ahnung. Mich holt er jedenfalls aus der Zeit.

Und deshalb ist mir dazu, mitten im Getose und Getöse der Weinbörse, dieses Gedicht von Wendell Berry in den Sinn gekommen, dem weisen großen Dichter und Farmer aus Kentucky, dessen Werke ebenso jung und alt zugleich sind…

The Peace of Wild Things

When despair for the world grows in me
and I wake in the night at the least sound
in fear of what my life and my children’s lives may be,
I go and lie down where the wood drake
rests in his beauty on the water; and the great heron feeds.
I come into the peace of wild things
who do not tax their lives with forethought
of grief. I come into the presence of still water.
And I feel above me the day-blind stars
waiting with their light. For a time
I rest in the grace of the world, and am free.

Danke – Jochen, Wendell, Euch allen, für solche Momente.

Die Idee dieser monatlichen Empfehlungen: Zwei Flaschen, und zu den flüssigen Geschichten außerdem eine in Worten, in Gedichtform – das ist der Heinzelwein-Dreier. Kein Verkaufsformat, sondern der Versuch, zumindest einen Teil dessen, was mir so an Wein begegnet, mit Euch zu teilen – abonnieren könnt Ihr diese Serie hier. Und damit Ihr nicht lange suchen müßt: hier gibt es die Weine und hier das Buch mit dem Gedicht von Wendell Berry. Trinken, lesen, schmecken, denken müßt Ihr wie immer selbst.

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