Heinzelwein-Dreier im September 2019: Traminer-Herbstlust und Gedanken zum Älterwerden mit Susan Sontag
 
 
Heinzelwein Traminer


Ich beschäftige mich gerade viel mit dem Älterwerden – wahrscheinlich eine Reaktion auf die trotz mittäglich hochsommerlicher Temperaturen deutlich kürzer werdenden Tage und kühleren Nächte. Der Herbst naht; und es gibt für mich kaum einen Wein, der so sehr in den Übergang zwischen Sommer und Winter paßt wie der Traminer, mit seinen lebhaften, aber in ihrer rauchigen Intensität auch beinahe melancholischen Aromen.

Die großen Kellereien in Tramin und Kurtatsch bieten neben ihren Topweinen Nußbaumer und Brenntal auch „normale“ Gewürztraminer in ähnlichem Stil an, die etwas zugänglicher sind und für diese Qualität ausgesprochen erschwinglich. Herbstwein par excellence. Feigen, frische Minze, eine Scheibe Schinken! Oder ein gebratenes Entenbein, Wurzelgemüse aus dem Ofen…

Nico Espenschied in Rheinhessen experimentiert hingegen mit seiner Hautnah-Linie in die Natur-Richtung, und ich finde, mit dem 2018 hat er wirklich den Nagel auf den Kopf getroffen. Knapp sechs Wochen auf der Maische vergoren, ohne Schwefelzusatz abgefüllt, anfangs stark vom Gerbstoff bestimmt, doch dann diese tiefe, orange Wonne…

Ja, und ich lese also zum Thema Alter, und Vergessen – was ist Gedächtnis eigentlich, was ist Geist, was ist Körper, was passiert da, wie gehen wir damit um, und dann fiel mir ein Gespräch mit Susan Sontag ein, das sie 1978 mit dem Journalisten Jonathan Cott für den Rolling Stone geführt hat. Anläßlich ihrer Krebserkrankung sagt sie (und ich weiß, Krebs und Demenz sind zweierlei, beinahe das Gegenteil, aber trotzdem):

„Auch ich habe mich aufgelehnt. Aber ich spürte keine Wut, denn da war niemand, gegen den sich diese Wut hätte richten können. Man kann nicht wütend auf die Natur sein. Oder wütend auf die Biologie. Wir alle müssen sterben – und es ist sehr schwer, das zu begreifen -, und wir alle erleben diesen Prozeß..."

Ich hoffe und glaube, daß sinnliche Weine wie die oben erwähnten dabei helfen können, Körper und Geist beieinander zu halten und sich selbst (was immer der-die-das nun sein mag) in der Welt. Genießt den Herbst.