Hier in Berlin - meiner Heimat - ist der Frühling regelmäßig eine Erinnerung daran, daß Erneuerung immer wieder geschieht und möglich ist. Des Winters frösteliges Grau scheint unendlich, treibt alle Nichtberliner*innen an die Grenzen der seelischen Belastbarkeit... und dann drückt plötzlich doch das junge Grün aus dem Boden, platzen Knospen auf und leuchten, ersetzen die Vögel den morgendlichen Wecker. Die beiden Weine heute sind von ähnlicher Energie, aber nicht anstrengend oder gar etwas "Besonderes". Eigentlich alles ganz normal, da draußen vor dem Fenster und hier vor mir im Glas - und doch einfach wunderbar.
Beide sind für mich Heimat. Schwieriger Begriff. Als Kind hat es mich immer genervt, wenn von Krieg und Flucht und Vertreibung erzählt wurde - war doch in den 1960ern längst vorbei, alle, die ich kannte, schienen eine Heimat zu haben. Trotz allen Geschichtsunterrichts, trotz all der Kriege in der Welt begreife ich erst jetzt so richtig, oder beginne zu begreifen, was Krieg, Flucht und Vertreibung tatsächlich bedeuten. Das liegt natürlich an dem Krieg in der Ukraine, aber auch Schriftstellern wie Abbas Khider, in Bagdad geboren, nach Haft und Folter vor dem Hussein-Regime über viele Stationen schließlich nach Deutschland geflohen, heute mit deutscher Staatsangehörigkeit in Berlin lebend. Seine Bücher sind eine unbestimmbare Mischung aus Autobiographie und Literatur, wie die beiden Weine gänzlich unprätentiös, wirken leicht und berühren doch gerade deshalb sehr.
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