Ich war gerade am Rhein, mitten im Rheingau, auf und am Johannisberg. Eine Reise, sehr kurz und sehr ungewohnt nach der langen Zeit zuhause. Die Weine hatten es verdient – dazu gleich mehr – und sie haben mich zum Nachdenken gebracht. Die Anfänge von Schloß Johannisberg liegen 1200 Jahre zurück. Was steckt hinter langfristigem Erfolg, der sich ja auch übersetzt in Fortbestand, Nicht-Untergehen, Sein? Die gängige Antwort auf diese Frage lautet: eine Vision. Was ist das? Die Vorstellung von Veränderung. Jetzt ist es so, doch es könnte, kann, sollte anders sein – um trotzdem, gerade aus diesem Grund gleich zu bleiben… Leben an sich ist Veränderung. Unsere Körperzellen erneuern sich ständig, wir sehen und riechen nur das, was neu und anders ist als noch einen Moment zuvor, und die glücklichen Fügungen meiner Freundin Serendipity können auch nur Gestalt annehmen, wenn ich ihnen Raum gebe. Wir wissen das – und doch fällt uns Veränderung oftmals so schwer. Wir möchten Vertrautes, Routine, Rituale – selbst wenn wir reisen, irritiert uns zuviel Ungewohntes (von den Corona-bedingten Veränderungen in unser aller Leben jetzt mal ganz abgesehen).
“Der Johannisberg”, wie Goethe geschrieben hat, “herrscht über alles” – nicht immer kam das in den Weinen auch zum Ausdruck, natürlich gab es Höhen und Tiefen. Aber das Weingut hat immer wieder zur ganzen Größe gefunden. Weil immer wieder jemand den Mut zur Vision und deren Umsetzung hatte – so entstand vor 300 Jahren der erste reinsortige Riesling-Weinberg, und so setzte sich 55 Jahre später die Idee durch, daß reifere Trauben bessere Weine ermöglichen. Im Moment liegt ein zuversichtliches Schwirren über dem Berg, voller positiver Energie, auch in den Weinen. Die 2019er haben mir sämtlich sehr gut gefallen – sie fangen die ganz eigene Balance von Frische, Nervigkeit und Körper dieses Hügels ein. Mein persönlicher Favorit fürs Hier und Jetzt ist der Bronzelack (alle Weine sind mit unterschiedlichen Farben gekennzeichnet), aus dem kühlsten Teil des Berges – aber eben aus einem sehr sonnigen Jahr. Trocken und nervig und beinahe ätherisch, voller Kräuter und Steine, tänzelnd und rufend, fordernd.
Am Fuße des Johannisberg in Winkel hat Aurelia Hamm gerade die Führung im gleichnamigen Familienweingut übernommen. Ganze sieben Hektar statt der 50 oben am Schloß, und Weinbau “erst” seit vier Generationen – aber ebenso von Visionen geprägt: Aurelias Vater hat bereits 1970 begonnen, biologisch zu wirtschaften (da galten Ökos noch als totale Spinner). Die Hamm-Weine sind ausgesprochen geradlinig und präzise, voller Frucht und mineralischer Würze. Ich wäre hier gerne viel, viel öfter – der Gutsausschank im Innenhof ist ein wunderschöner Ort. Mein gegenwärtiger Liebling unter Aurelias Weinen ist der trockene Kabinett, kühl, filigran und doch eine ganze Welt. Im Zug habe ich “Wo ich mich finde” gelesen, von Jhumpa Lahiri. Ihre Eltern sind aus Indien in die USA ausgewandert, sie wiederum mit ihrer Familie nach Italien gezogen. Sehnsucht und Fremdheit sind ihre großen Themen. In ihrem neuesten Buch erzählt sie in kurzen Kapiteln von einer Frau, die sich ihr Leben “eingerichtet hat”. Sie ist zufrieden, alles ist an seinem Ort. Doch während sie versucht zu ordnen und zu fixieren, verändert sich die Stadt (unbenannt, wahrscheinlich Rom), die sie umgibt – bis sie bereit ist für die eigene Veränderung.
Vielleicht erscheinen mir genau aus diesem Grund die vergangenen Monate, die Veränderung des Nicht-Reisens so wichtig – und gefallen mir tänzelnde, nervige, bewegte Weine. Wie geht es Euch?
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