Bücher

Ich habe keine Kinder, aber ich schreibe Bücher, und das ist ähnlich: frau geht mindestens neun Monate mit ihnen schwanger, hält sie dann endlich erleichtert in den Händen und schickt sie schließlich hinaus in die weite Welt. Manchmal machen sie Kummer, doch meistens sind sie eine Bereicherung und sorgen für die unglaublichsten, wunderbarsten Erlebnisse und Begegnungen.

Beyond!Aus gegebenem Anlaß, weil es eine langwierige Schwangerschaft und Geburt war, und das letzte Baby zwar nicht das liebste ist, aber doch der meisten Fürsorge bedarf: Hier ist es, mein „Bratwurst“-Buch! Wörtlich übersetzt lautet der Titel: „Mehr als Bratwurst: eine Kulturgeschichte des Essens in Deutschland“. Es ist in London bei Reaktion Books erschienen und wird in den USA über University of Chicago Press distribuiert. Und ja, ich habe es auf Englisch geschrieben und dann für die deutsche Ausgabe eigenhändig übersetzt. Ich versuche darin auf 384 bzw. 432 Seiten die Frage zu beantworten: Was bedeutet das, „deutsch“? Essen (oder auch nicht, denn Hunger gehört zu dieser Geschichte zwingend dazu) ist ein hervorragender und sehr alltagsverbundener Blickwinkel, um sich diesem Thema zu nähern.

WasisstDeutschland

Was ich chronologisch getan habe, von der grauen Vorzeit bis zum Heute und Hier, in Berlin-Kreuzberg. Recherche und Inhalt genügen wissenschaftlichen Standards, doch der Stil ist wesentlich lesbarer als in jenen Kreisen üblich. Das meinten übrigens auch Irene Virbila in der Los Angeles Times, Rebecca Morrison im Times Literary Supplement, Elisabeth Luard im The Oldie und Bee Wilson in der Sunday Times – wo „Bratwurst“ den Sprung in die Liste der Food Books of the Year schaffte, hurra! – und im Sunday Telegraph. Nikki Werner hat geradezu berührend darüber im südafrikanischen Mail & Guardian geschrieben, Adriano Sacks über die deutsche Ausgabe ausführlich in der Welt, und Heather Penn von der Chatham University hat Beyond Bratwurst für Food, Culture and Society rezensiert. Ich verschicke gerne signierte Exemplare, zum Selberlesen.

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Als Beyond Bratwurst beim Drucker war, habe ich gewissermaßen zum Ausgleich im intensiven Schnelldurchlauf ein ganz anderes Buch gemacht: „Die China-Küche des Herrn Wu“ ist im Mai 2014 bei Tre Torri erschienen. Rund 80 Rezepte aus dem Hot Spot in Berlin, diesem wunderbaren Restaurant, in dem sich supergutes chinesisches Essen mit großartigen Weinen erleben läßt. Und sich jetzt dank detektivischer Rezepte-Erforschung meinerseits auch nachkochen läßt. Ich verspreche, es ist machbar!

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Ebenso wie die vietnamesischen Rezepte in Monsieur Vuong – das Kochbuch, wie die China-Küche mit großartigen Bildern von Manuel Krug und erstmals zu bestaunen auf der Frankfurter Buchmesse im Oktober 2016, bei Suhrkamp. Hier ist mehr dazu. Es war ein ereignisreiches Jahr für die Heinzelcheese-Familie…

Foto 2Nicht ganz mein eigenes Kind, sondern ein „Teamwork-Baby“ ist dieses 2015 erschienene Prachtexemplar: The Oxford Companion to Sugar and Sweets. Großer Tusch und Täterätätä!!! Eine Enzyklopädie aller möglichen und unmöglichen Themen rund ums Süße, von einem großartigen Team zusammengestellt und von mehreren hundert Autoren geschrieben, alles unter der genialen Leitung von Gastronomica-Gründerin Darra Goldstein – es war eine Ehre, als Redaktionsmitglied daran mitzuwirken. Und selber eine Reihe von Einträgen zu schreiben: über Süßes in Deutschland, über Haribo, Schwarzwälder Kirschtorte… Ideales Geburtstags-, Weihnachts- und Wann-auch-immer-Geschenk, besonders auch für alle Fans des Naschmarkts in der Markthalle Neun. Hier ist eine umfassende, sehr lesenswerte Besprechung von Sugar and Sweets von Richard Kämmerlings in der Literarischen Welt..

Noch viel wichtiger, zumindest aus Heinzelcheese-Sicht ist der soeben erschienene Oxford Companion to Cheese, an dem ich ebenfalls redaktionell mitarbeiten durfte. Es war ein Kraftakt, nicht zuletzt weil die Käse-Welt so ganz anders tickt als die von Wein, Bier und Süßem. Aber wir haben es geschafft, der Käse ist „angekommen“! Es ist keine Aufzählung möglichst vieler Käse (obgleich die natürlich auch alle ihre Einträge haben), sondern ein unglaublich umfassendes Nachschlagewerk rund um die Welt von Käse und Milch. Nachtrag von Ende April 2017: soeben ist unser Baby mit dem James Beard Award für Reference und Scholarship ausgezeichnet worden – juchhu!!!

Erlebnis Essen

Doch zurück zum Anfang. Erlebnis Essen war mein erstes Baby, beinahe aus Zufall und ein wenig aus Trotz entstanden (ein Charakterzug, den ich wahrscheinlich meiner Heimat Berlin verdanke…) – danke Holger Kuntze! Vuk Karadzic hat für meinen Erstling auf seine ganze eigene, wunderbare, für dieses Thema ungewöhnlich ernste und deshalb faszinierende Weise mit seiner Kamera eine Reihe von Produzenten portraitiert. Martina Seith-Karow hat sich beim Scherz-Verlag mit Hingabe in diese Aufgabe gekniet, und Robert Buchmüller hat mit seinem Design alles so einfühlsam zusammengebunden, daß ich mich bis heute jedesmal freue, wenn ich mein 2006 erschienenes „Erdbeerbuch“ in die Hand nehme.

Erlebnis Kochen

Nur ein Jahr später gab es wieder Nachwuchs… Ich war so genervt von den pseudowissenschaftlichen, diktatorisch-pingelig übergenauen und überlangen Rezepten in Zeitschriften und Büchern, daß ich unbedingt ein Buch schreiben wollte, das zum Kochen ohne Rezepte ermuntert. Die Truppe vom Scherz-Verlag war sofort mit dabei. Danke!

Die eigenen Ideen und Gedanken als Grundlage, die eigenen Sinne und Erfahrungen als Leitfaden – traut euch, ihr könnt das, ruft es bei Erlebnis Kochen aus den Seiten. Diesem Ansatz entsprechend stammen auch die Fotos von mir, kleine Illustrationen aus dem Alltag, die den Text untermalen. Wie zum Beispiel diese Löffel, um zu demonstrieren, wie variabel die Angabe „ein Eßlöffel“ (und damit auch das fertige Endergebnis) ausfallen kann…

Food Culture Germany

Es folgte ein Buch auf Englisch, Food Culture in Germany. Es erschien 2008 als Teil einer Serie bei Greenwood (heute ABC Clio) und ist ein richtiges Standard-Nachschlagewerk mit umfassenden Informationen zur deutschen Essenskultur. Danke Ken Albala für diesen wunderbaren „Fuß in der Tür“ der englischsprachigen Welt! Wendy Schnaufer war eine fantastische Lektorin, und Gottfried Müller hat super schöne Zeichnungen als Illustrationen geliefert. Außerdem gibt es natürlich Rezepte (denn trotz meines Aufrufs zum freien Kochen ist mir natürlich klar, daß die ihren Sinn haben), den amerikanischen Gepflogenheiten entsprechend in cups und spoons – ich wünschte, die Amerikaner würden sich endlich mit der Idee der Küchenwaage anfreunden…

Inzwischen ist auch eine Kurzfassung des Inhalts in einer Enzyklopädie erschienen, und ich habe für denselben Verlag den Beitrag über Deutschland in dieser Enzyklopädie zum Vegetarismus geschrieben. Ich ernähre mich nicht vegetarisch, respektiere aber alle, die kein Fleisch essen möchten, und finde die Geschichte hinter dieser Bewegung ausgesprochen spannend. Die tatsächlich konsequente Einstellung ist für mich das Veganertum, also der komplette Verzicht auf tierische Produkte. Denn Milch und vor allem Käse, also Milch in konzentrierter Form, setzt Lämmer, Zicklein und Kälber voraus, und die kommen in etwa zur Hälfte weiblich (mehr Milch, prima) und männlich (keine Milch, nicht ganz so zahlreich nötig – sorry you guys) auf diese Welt. Was passiert mit letzteren? Sie werden gegessen…

Solche Gedanken (und viele andere) habe ich mir anläßlich meines 2009 erschienenen „Käsebuchs“ gemacht, Erlebnis Käse und Wein. Dieses Baby hat eine ausgesprochen intensive Schwangerschaft hinter sich; es war meine aufwendigste, aber auch spannendste Recherche bisher. Beinahe sechs Monate und über 12.000 Kilometer bin ich kreuz und quer durch das neue Käsedeutschland gefahren und habe weit über hundert Käsereien besucht. Das war logistisch gelegentlich recht anspruchsvoll, da Milch und Käse, die Tiere und Menschen dahinter, wesentlich stärker in den natürlichen Zyklus eingebunden sind als Winzer, Reben und Wein und dieser Zyklus obendrein viel kürzer ist: Trauben werden einmal im Jahr gelesen, gemolken wird mehrmals am Tag. Da bleibt häufig nicht viel Zeit für jemanden wie mich, der unzählige Fragen stellt und neugierig alles kennenlernen möchte… Um so dankbarer bin ich für die Offenheit, mit der mich die meisten Käsemenschen empfangen haben. Judith Treis auf dem Ruhlengut und Tobias Schüller auf Hof Dannwisch haben mich jeweils eine ganze Woche ins Hofleben samt Stall und Käserei aufgenommen, bei Mathias Martin auf der Alpe Ornach durfte ich das Berg-Käsen hautnah miterleben. Andreas Durst hat den Alltag der drei fotografisch grandios eingefangen.

Foto Andreas Durst

Foto Andreas Durst

Hätte der Verlag nicht irgendwann die Bremse gezogen, wäre dies ein sehr gewichtiges (und damit sehr teures) Buch geworden. So stellt es über 60 handwerkliche, individuelle Käsereien in ganz Deutschland vor und erklärt sozusagen nebenbei alles, was man und frau als Nichtkäser so an Fragen hat zu diesem Thema.

Foto Andreas Durst

Foto Andreas Durst

Natürlich ist die Käseszene ständig in Bewegung und Veränderung begriffen. Judith Treis etwa macht im Moment keinen Käse mehr, leider. Aber es gibt ständig neue Adressen zu entdecken, wie zum Beispiel den Milchschafhof Pimpinelle von Amelie und Franziska Wetzlar in Quappendorf, eine gute Stunde östlich von Berlin bei Neuhardenberg. Ach ja, der Wein im Titel? Der muß einfach sein zum Käse, und ich habe ihm zusammen mit vielen Winzern in den im Buch protokollierten Käse-Wein-Jamsessions nachgespürt – viel Spaß beim Lesen und selber Erkunden!

Mit diesen vier Kindern fand ich die Familie eigentlich erst einmal groß genug, aber es „ergab“ sich dann doch noch eines. Kulinarische Erlebnisse ist ein „Best of“ der Rezepte und Artikel, die ich seit 2001 monatlich für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung schreibe. Die Fotos sind so schön und appetitanregend, daß sie eigentlich ein größeres Format verdient hätten. Sie stammen von Julia Zimmermann, Christian Thiel und Matthias Lüdecke, die für die FAS fotografieren, vor allem aber von Barbara Ehlert, die extra für eine Woche aus dem Allgäu angereist ist, um die Bildlücken zu füllen. Alle vier haben sich anstandslos und sehr einfühlsam mit dem improvisierten „Studio“ (nämlich unserem Balkon) arrangiert – danke!

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Ich bin durchaus stolz darauf, daß alles Abgebildete, wie etwa diese Quitten-Tarte Tatin, direkt aus meiner Küche kam und so auch eßbar war, ohne Foodstyling oder sonstige Tricks. Genau so appetitlich, wie es auf den Fotos aussieht, läßt sich das alles ohne großen Aufwand (weil ich nämlich eigentlich eine faule Köchin bin) in jeder normalen Haushaltsküche nachkochen, großes Ehrenwort!

Die folgenden Jahre saß ich dann am Großprojekt der deutschen Eß-Kulturgeschichte – siehe oben – was sich eher wie Drillinge anfühlte (ok, hier hinkt der Vergleich zwischen Kindern und Büchern natürlich gewaltig) und 2014 als „Beyond Bratwurst“ das Licht der Welt erblickte. „Nebenbei“ habe ich an zwei Anthologien mit Weihnachtsgeschichten und -Rezepten mitgearbeitet, die dank meiner Mitstreiterinnen Ebba D. Drolshagen und Regine Elsässer wirklich erfrischend lesenswert sind – perfekte Nikolaus-, Julklapp- und Weihnachtsgeschenke.

Ebenfalls im Team, unter der Ägide von Stuart Pigott, ist vor einigen Jahren Wein spricht deutsch entstanden (gefühlte Sechslinge!). In dem über drei Kilogramm gewichtigem Opus Magnum über die deutschsprachige Weinwelt habe ich über Rheinhessen und den Bodensee geschrieben. Andreas Durst hat seinem Namen alle Ehre gemacht, ist monatelang auf Intensivrecherche unterwegs gewesen und mit großartigen Fotos zurückgekommen. Falls es einen Preis für Geduld, Diplomatie und psychologisches Geschick gibt, muß der jedoch an unsere Lektorin Martina Seith-Karow gehen – danke.

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