HeinzelCheeseTalk #45: Die spannendsten Käse von der Cheese in Bra. Freitag, 06. Oktober 2017

Zum zwanzigsten Mal fand vom 14. bis 18. September in dem kleinen Städtchen Bra mitten im Piemont die Cheese statt, die Urmutter aller Käsemessen und -treffen, Kern und Herz der turophilen Community. Bei allerbestem Jubiläumswetter trafen sich einmal mehr Hirten, Käser, Affineure, Aktivisten, Schreibende, Lesende, Essende… Es war einfach großartig. Ich war 2001 zum ersten Mal in Bra, kurz nach 9/11, und dann immer wieder. Jedesmal ist es auf neue, andere Art ein Energiestoß. Heinzelcheese-Aficionados wissen um meine Überzeugung, daß uns Milch und Käse auf ganz besondere Weise berühren!

Bevor wir ins Philosophische abrutschen: ganz konkret war mein Koffer auf der Rückreise gut gefüllt, um mit Euch einige der Cheese-Highlights zu verkosten. Wir starteten mit dem einzigen Käse, den ich von einem Extra-Trip nach Graubünden mitgebracht hatte, den Mascarplin der Sennerei Sufers, ein kellergereifter Ziegen-Ziger, pilzduftig und rund und in der bröckeligen Struktur doch klar als Molkenkäse erkennbar. Im Glas dazu, nach dem immer wieder hervorragenden Riesling Brut von Frey, der Boskoop-Perlwein von Andreas Schneider vom gleichnamigen Obsthof aus Niedererlenbach bei Frankfurt.

Der Euch auch zum nächsten Käse sehr gut gefiel, der geräucherten Ricotta Ossolana von Luigi Guffanti: sehr intensiv, salzig, aber voller würziger Aromen der Bergwiesen. Sehr spannend danach der entsprechende Alpkäse aus 2016, fruchtig, bitter, säuerlich – hier ging wirklich superviel zugleich ab, und wir beschäftigten uns lange mit diesem Alpen-Botschafter. Die drei Jahre alte, nach Grana-Art gekäste Formazza von Castagna aus der gleichen Region demonstrierte dann, wie unterschiedlich Käse sein können, die von weitem betrachtet wahrscheinlich in derselben Schublade landen würden. Zu beiden eine großartige Ergänzung: 2016 Riesling Sauvage von Theresa Breuer aus Rüdesheim/Rheingau: 11,5%-schlank, vollkommen unverschnörkelt, voller Spannkraft.

Zurück ins Piemont ging es mit der Robiola di Roccaverano, einem der kleinen runden Ziegenkäse, die so typisch sind für das südliche Piemont. Dieser im Kastanienblatt, etwa sechs Wochen alt und daher deutlich gereift, von den großartigen Stutz & Pfister-Menschen (die irgendwann einfach zur Cheese Berlin kommen müssen!). Ebenso anspruchsvoll und von Euch kontrovers diskutiert, da das Gegenteil von hygge-kuschelig: die Gräfin, naturtrüber Sauvignon Blanc von Sepp und Maria Muster aus der Steiermark. Beide hätten einen ganzen Abend Zuwendung verdient gehabt.

Dann ganz anders, ganz leise und ganz unaufdringlich, aber doch sehr ausdrucksvoll der Tuma d’Fe von Veglio aus Bossolasco, aus handgemolkener Schafsmilch (die wie bei allen Käse dieses Abends gänzlich unbehandelt verarbeitet wurde), und der 2012 Portugieser von Arno Göhring aus Rheinhessen, der so manchen am Tisch positiv überraschte! Schließlich der angekündigte Pecorino di Farindola aus den Abruzzen, mit Schweine“lab“ und (für mich) einer ganz anderen Aromatik als die meisten anderen Pecorini, weniger zitronenzestig (dazu etwas ausführlicher hier). Vertrug sich bestens mit dem 2014 rauchkirschfrucht-transparenten Langhe Nebbiolo von Massolino (danke Wernher!) – der sich aber besonders über den Cevrin di Coazze von Maria Lussiana freute, mit seiner unglaublichen Konzentration und einer enormen Bandbreite von Aromen, aus der Milch halbwilder, wunderschöner, rotbrauner Ziegen und ein bißchen Kuhmilch, höhlengereift und wirklich schwer in Worte zu fassen.2012 Fojaneghe aus Merlot, Cabernet und Teroldego von Masi brachte uns behutsam wieder auf den Boden…

Von dem wir mit dem Rogue River Blue aus Oregon gleich wieder abhoben! Blauschimmelkäse, Birnenschnaps-getränkte Weinblätter, ein Jahr gereift, also aus besonders konzentrierter Herbstmilch, von Kühen, die am Ufer des wirklich dramatisch-malerischen Rogue River im südlichen Oregon an der Westküste der USA grasen – Ihr wart ausnahmslos begeistert, selbst die Blauschimmel-Skeptiker unter Euch. Der außergewöhnliche, fruchtsüßsaure Eisapfel-Wein von Jörg Geiger aus Schlat in Württemberg tat sein übriges dazu. Cheerio – ich hoffe, Euch alle auf der Cheese Berlin zu sehen.

PS Hier sind ein paar Bilder von meinem Besuch bei Rogue River.

PPS Die Cheese in Bra ist Vorbild und Inspiration für „unsere“ Cheese Berlin, die dieses Jahr am 05. November stattfindet, mit Auftaktveranstaltungen am 03. und 04.11. Ihr dürft gespannt sein. Und wenn Ihr könnt und möchtet, auch gerne aktiv dabei: Cheese needs you – wir suchen noch Volontäre, die bei Verkostungen und an Ständen mithelfen, Käse-Gäste betreuen, Ideen beisteuern und helfen umzusetzen. Ich würde mich sehr freuen, von Euch zu hören! Meldet Euch hier, am besten schon mit einem kurzen Hinweis, wie und wann Ihr Euch einbringen wollt und könnt.

HeinzelCheeseTalks finden rund einmal im Monat an einem Freitag um 18h in der Markthalle Neun in Berlin-Kreuzberg statt, an dem langen Tisch gegenüber vom Suff-Weinstand. Ich bringe spannende Käse mit, öffne ein paar Flaschen Wein, wir verkosten, reden, diskutieren, alles ganz entspannt (und größtenteils auf deutsch – obgleich wir es im allgemeinen auch schaffen, den einen oder anderen auf englisch “mitzunehmen”). Die Einladung geht etwa zehn Tage vorher an eine Mailingliste, die fünfzehn Plätze am Tisch werden auf Reservierung per Email vergeben, die meinerseits am Montag vor dem HeinzelCheeseTalk schriftlich bestätigt wird. Ich freue mich über einen freiwilligen Kostenbeitrag von zwölf Euro pro Käsegenießer (bar am Ende des Abends), wenn’s extra viel Spaß gemacht hat, dürfen es auch ein oder zwei Euro mehr sein… cheesio!

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